Reportagen

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Abenteuer Privatsphäre

Vier Wochen durch Amerika ohne eine einzige Hotelübernachtung: Die Gastgeber-Organisation Servas ermöglicht das horizonterweiternde Reisen von Mensch zu Mensch

Der Taxifahrer fackelt nicht lange. Kaum sitzt die Deutsche auf der Rückbank, greift er nach hinten: „Die Nummer“, raunt er mit tiefschwarzer Stimme und blickt in ein fragendes Gesicht. „Gib mir die Nummer!“ Ungeduldig reißt er ihr den Zettel aus der Hand und tut, was eigentlich ein Unding ist: Er ruft das Ziel an. „Hi, ich hab’ hier diese Lady im Auto sitzen, wo muss ich lang fahren, Mann?“ Beschämt sinkt sie tiefer in ihren Sitz. Der Mann, mit dem der forsche Fahrer spricht, ist ihr völlig unbekannt. Gleich wird sie ihn kennen lernen. Und staunen.

Es ist einer dieser Momente auf dieser überraschungsreichen Reise durch Amerika, in dem sich das Unvorhersehbare zuspitzt und zu einem aufregenden Spannungsbogen wölbt. Es ist kurz vor Mitternacht in Memphis. Über rissige Straßen und Schlaglöcher geht es rasant durch die ausgestorbene Innenstadt, hin- und hergeworfen auf der Rückbank durch den verröchelten Mythos einer einstigen Musikmetropole, wo jeder dritte Laden ein Leerstand ist und der Blues zwischen billigen Bier-Bars verhallt. Doch das ist zweitrangig. Auf die Reisende im Taxi wartet das Abenteuer. Auf sie wartet Colin.

Colin

Er steht vor der Tür, als der Fahrer den Gast aus dem Wagen ausspuckt. „Na, geschafft?“, sagt er ohne ein Lächeln. In der Hand hält er noch das Handy, mit dem er den Mann am Steuer herlotsen musste in dieses aus dem Boden gestampfte Einfamilienhaus-Viertel für reiche Weiße auf einer unwirklichen Wohninsel am Mississippi-River. Hier lebt Colin, Anfang vierzig, Republikaner-Wähler, schwul. Er wird die nächsten drei Tage Gastgeber sein für eine Frau, die bislang eine Fremde für ihn ist. Und sie wird seine Abwechslung werden im Alltag zwischen früh aufstehen, mit dem Hund raus, Arbeiten am Computer, Fitness-Studio, Fernsehen, früh ins Bett. Es werden drei Tage werden, in denen Lebenswelten aufeinander treffen und Horizonte sich weiten.

In Colins Wohnzimmer ist alles blendend hell. In staubfreien Regalen stehen keine Bücher, sondern elektrisch aufgeladene Bilderrahmen, in denen Digitalfotos Dauerlauf spielen. Sein ganzes Zuhause ist wie ein Hochglanzfoto aus dem Einrichtungs-Magazin. Das einzige, was nicht perfekt hinein passt, ist die Besucherin aus Deutschland, die in einer wenig sterilen Altbauwohnung unterm Dach wohnt. Zwar hat sie zufälligerweise dieselbe Kaffeemaschine wie Colin, doch räumt dieser sie in seiner Bilderbuchküche jeden Morgen nach Gebrauch wieder zurück in einen der vielen Einbauschränke. Es ist mehr als fraglich, ob hier jemals richtiges Essen zubereitet wird. Zum Abendbrot gibt es Nacho-Chips mit Chili-Tunke.

Er führt sie in den ersten Stock seines teppichbodengedämpften Single-Palasts. Dort liegt das Gästezimmer mit Bad und Balkon. „Fühl dich ganz wie Zuhause“, sagt Colin und zieht sich zurück. Ganz wie Zuhause? Wie in Zeitlupe gleitet sie auf das mit Textil beladene Gästebett, ihr Kopf sinkt langsam ein in ein flauschiges Konglomerat von Kissen. Ist sie die Prinzessin auf der Erbse und nicht vielleicht doch in einem Hotel gelandet? Oder in einem der Zimmer auf der Southfork-Ranch – und gleich kommt Sue Ellen herein und bietet auch noch einen Drink an?

Vier Wochen durch Amerika und dabei ausschließlich privat wohnen: Das war der Plan, und er ging bis zum letzten Tag auf. Aber wer das erleben will, der muss schon im Vorfeld mehr tun als ins Reisebüro oder Internet gehen und Geld überweisen: Er muss Gastgeber auftun. Eine gute Anlaufstelle dafür ist die Organisation Servas. 1949 von dänischen Studenten gegründet mit dem Ziel, durch zwischenmenschliche Kontakte Vorurteile zwischen den Völkern abzubauen, ist Servas heute in mehr als 120 Ländern auf allen Kontinenten vertreten mit rund 14000 Gastgebern. Besonders viele davon finden sich in den USA – und es ist ganz einfach, zu ihnen Kontakt aufzunehmen: In einem Buch, das Servas den Reisenden nach einem persönlichen Vorgespräch in die Hand gibt, finden sich alle ihre Adressen und Telefonnummern.

Annie

Annie empfängt die Reisende in routinierter Herzlichkeit am Hoftor zu ihrer Wohnung mitten im Touristen-Magneten French Quarter in New Orleans. Die lange Zugfahrt hier runter in den tiefsten Süden war erschöpfend, die schwülheiße Nacht ist angebrochen. Doch die quirlige Vierundsiebzigjährige mit dem silbergrauen Kurzhaarschnitt zeigt keine Spur von Müdigkeit: „Kann ich dir was anbieten, ein Bier vielleicht?“, fragt sie in ihrem winzigen Wohnzimmer mit den französischen Hutzel-Möbeln und der offenen amerikanischen Küche, wo man sich bei einem ersten Drink beschnuppert. Und sofort mag. „Wie sieht’s aus?“, wirft sie mit einem Grinsen ein und legt den Kopf leicht schief. „Bist du zu müde, oder soll ich dir noch meinen Lieblings-Jazzclub zeigen?“

Auf eine tapsige Art hyperaktiv tänzeln ihre alten Füße zum flotten Takt des Jazztrios im „Spottet Cat“, die Arme machen kleine Ruderbewegungen rechts und links des Beckens, in ihrem Gesicht steht ein beseeltes Lächeln. So sieht Musikgenuss aus. Sofort beginnt man mitzutänzeln. Und ahnt, dass Annies durch die verrauchte Bar strahlende Physiognomie mehr vom Zauber der Jazzmetropole erzählen kann als eine Sightseeingtour. Es geht hier auch darum, den Widrigkeiten des Lebens mit Fröhlichkeit ein Schnippchen zu schlagen in der durch Hurrikane und Armut immer wieder gebeutelten Südstaatenmetropole. „Na?“, fragt Annie in einer kurzen Musikpause und legt den Kopf wieder schief. „Noch ein Bier?“

Die Kultur der persönlichen Begegnung beim Reisen von Mensch zu Mensch bringt Effekte mit sich, die einem in regulären Unterkünften ablaufenden Urlaub abgehen. Dieser Weg ist nicht nur der günstigste, denn die Gastgeber verlangen kein Geld dafür, dass sie Besucher für ein paar Tage an ihrem Leben teilhaben lassen. Sie kennen sich aus in ihrer Stadt und können Tipps geben, die nicht im Reiseführer stehen.

Wo zum Beispiel kann man in der Nähe lecker essen? Da hält Annie ihrem Gast gleich einen ganzen Broschürenkorb als Antwort hin. „Ich will den Leuten mein New Orleans ganz persönlich näher bringen“, sagt sie. Auf Wunsch führt sie Gäste auch durch die nach wie vor durch den Hurrikan Katrina zerstörten Quartiere.

Amerika von innen – dahinter verbirgt sich ein Erkundungsansatz, für den sich die Vereinigten Staaten womöglich besonders gut eignen. Auch ohne Gastgeber-Vermittlungsorganisation. Die oberflächliche Art, die an Amerikanern im Zwischenmenschlichen oft kritisiert wird, erweist sich hier als Vorteil. Wer die Begegnung mit Fremden nicht unbedingt als ultra-verbindlichen Akt begreift, der lässt sich lockerer und schneller darauf ein. Vielleicht steckt manchem Amerikaner da auch noch die Pionier-Geschichte in den Knochen, die eine Mentalität der Hilfsbereitschaft für Reisende teils überlebensnotwendig machte und zum selbstverständlicheren Akt werden ließ.

Melanie, John

Im Zug weiter Richtung Chicago. Das Gepäck ist mittlerweile um ein Erinnerungsstück jedes Gastgebers angewachsen. Im Genick klemmt das Nackenkissen, das Melanie aus Washington eingepackt hat – nebst einem Stapel gefalteter Papierservietten für die mit knatschigem Brot gefüllte Lunch-Tüte. „Das ist wichtig, wenn man auf Reisen ist“, hat sie aufgeklärt. Doch trotz der mütterlichen Art haftete ihr auch stets etwas Teenagerhaftes an. Spürbar wurde das etwa an ihrem kichernden Wodka-Konsum. Viel davon floss abends auf dem Sofa vorm Kamin in ihrem kleinen alten Haus nahe dem Kapitol. Dort verlebten sie etliche fröhliche Stunden miteinander.

Gar keinen Alkohol hingegen hatte sich der New Yorker Gastgeber John genehmigt, dessen alte Bluesaufnahmen beim Weitertuckern durch die weiten Felder des Heartlands Amerikas im Ohr herumschwirren. „Du darfst sie auf keinen Fall kopieren“, hat er zum Abschied gesagt, als handle es sich bei der gebrannten CD um den zentralen Datenträger einer Weltverschwörung. Eine ganze Woche dauerte der Aufenthalt bei diesem Musiker-Kauz, der nachts Meeresrauschen vom Band in seinem Schlafzimmer laufen ließ und tagsüber gern Klettern ging. Trotz seiner eigenbrötlerischen Art nahm er die Reisende auf wie eine alte Bekannte – vielleicht auch, weil er an ihr seine gleichsam ausgeprägte Hilfsbereitschaft intensiv ausleben konnte. Zum Dank schreibt sie ihm, dem Frankreich-Fan, bis heute Karten auf Französisch.

Eins muss klar sein: Das Reisen von und zu Privat kommt nicht ohne Kommunikation aus, und das kann anstrengend werden. Immer wieder reden, immer wieder neue Menschen: Man muss sich auf Fremde einlassen können und beim Schritt über deren Türschwelle in die Privatsphäre Unbekannter auch eigene, innere Grenzen überwinden. Wer jedoch wenig Berührungsängste hat und sich gerne unterhält – auch mit Unbekannten, für den ist das auch noch der beste Sprachkurs.

Kathleen und Robert

Von rechts kommen die Bohnen, nach links verschwinden die Kartoffeln. „Ich würde mir den nie anschauen, viel zu gewalttätig“, schmettert Kathleen ihre Meinung über den antiken Holztisch, wo gerade das Menü rotiert und eine Debatte über den Streifen „There Will Be Blood“ läuft. Dinnerparty mit Schweinebraten und Diskussion an wildgewachsenem Chicagoer Großstadt-Vorgarten. „Aber Gewalt ist doch ein Teil eurer Gesellschaft“, wirft die Besucherin ein. „Damit muss man sich doch auseinandersetzen, oder?“ Innerlich muss sie amüsiert mit dem Kopf schütteln: Schon die ganze Zeit fühlt sie sich wie die Protagonistin in einem Film von Woody Allen. Brotkorb von rechts, zugreifen, weiterreichen, weiterdiskutieren.

Gegen Ende vierer Wochen voller unterschiedlicher Gastgeber ist die Urlauberin bei Kathleen und Robert in Chicago angekommen und bewegt sich in der eloquenten Lebenswelt des pensionierten Politikprofessors und der Chefin einer Nicht-Regierungsorganisation mittlerweile mühelos auf Amerikanisch: Am Frühstückstisch im Wintergarten teilt sie sich die „Washington Post“ mit Kathleen, schaut nachmittags im Hobbykeller amerikanische DVDs im Originalton, berät Robert beim Einkauf im Bio-Supermarkt, übt sich beim Dinner in Konversation über Bildungssysteme oder die Macht von Wal-Mart – und staunt noch im Redefluss selbst über ihre vokabelstarken Reiseberichte.

Dass Kathleen und Robert bei Servas mitmachen, ist eine logische Konsequenz ihres Lebensentwurfs. Die beiden sind selbst ständig in der Weltgeschichte unterwegs. Genau so gern beherbergen sie Fremde. Sie sind neugierig auf deren Lebensgeschichten und Sichtweisen, ohne aufdringlich zu sein. Wie bei vielen amerikanischen Domizilen genießt man auch hier den Luxus eines Extra-Zimmers mit eigenem Bad. Und für das Gastgeberpaar ist es selbstverständlich, dass sie den Besuch einladen, mit in die schon lange gebuchte Opern-Vorstellung zu kommen oder ihn am Abend der Abreise zum Bahnhof zu bringen. Der Abschied fällt deutlich schwer als wenn man ein Hotel verlassen würde. Den Gastgebern dieser Privatherbergen ist man nahe gekommen.

„Du musst darüber schreiben“, stellt Robert beim letzten gemeinsamen Dinner bei seinem Lieblings-Griechen fest. Und aus seinem Munde, dem Mund eines pensionierten Politikprofessors mit weißem Vollbart, klingt das wie eine Hausaufgabe, die erledigt werden muss. Also gut. Wo anfangen? Mal überlegen. Also gut. Beginnen wird die Geschichte mit einer erstaunlichen und aufregenden Taxifahrt durch Memphis. Und enden mit einem Satz, den die Servas-Reisende kürzlich gerührt auf einer Postkarte von John las: „Du hast bei mir immer einen Platz in New York.“[/tlg_tabs_content][tlg_tabs_content icon=““ title=“Schleudertrauma XXL“]

Schleudertrauma XXL

Klingt harmlos, ist aber die Hölle: Das Extremfahrgeschäft namens Riesenschaukel ist nichts für Otto-Normal-Nerven – Ein Selbstversuch mit Folgen

Nicht mehr atmen. Nur noch schreien. Schreien, schreien. „Oh Gooooott“, brülle ich den Schrecken aus meinem angespannten Inneren heraus. „Oh Gott, oh Gott, oh Gott!“. Noch nie in meinem Leben habe ich so inbrünstig und oft den Namen des Wesens gerufen, das angeblich im Himmel wohnt und einem in solchen Situationen beistehen soll. Es ist die Hölle.

Der gesamte Körper ein einziges Schwindelgefühl. Alles dreht sich. Ich befinde mich in der XXL-Riesenschaukel, im 120-Grad-Winkel schwingt sie hin und her auf bis zu 45 Meter Höhe – sechs Meter mehr als der Lange Lui. Die Gondel, in der ich auf einem Sitzplatz hinter einem Rumpf-Haltebügel eingepfercht bin, dreht sich zusätzlich um die eigene Achse. Ich erlebe mein persönliches Schleudertrauma. Aus Angst vor einer Ohnmacht schließe die Augen und höre nur noch Windbrausen – und meine Schreie.

Mit 100 Stundenkilometer Geschwindigkeit rase ich beim Pendeln von der einen auf die andere Seite knapp über dem Boden durch die Luft. 150 Kilowattstunden Strom treiben die beiden Elektromotoren an, die die Gondel mit aller Wucht hin- und herziehen. Die Flugkraft lässt meinen Körper zu Blei werden und mein Gesicht zu Gummi. Der Fahrwind knetet meine zu einer wabbelnden Masse verkommenen Wangen durch, die Haare lösen sich aus dem Band. Gnadenlos werde ich herumgewirbelt, ich wünsche mir einen Notausknopf. „Oh Gott, oh Gooooott!“

In aller Seelenruhe und mit an Langeweile grenzender Routine hockt Riesenschaukel-Chef Tony Denies unten in seinem sechs Quadratmeter großen und aufgeräumten Kassen- und Steuerhäuschen und drückt Knöpfe, auf denen „Swing“ oder „100 Prozent“ steht. „Schluss mit lustig, 45 Meter nach oben, uuuuund Action“, ruft er durch das Mikrofon in dem typisch nasalen Fahrgeschäftanheizerton, der immer gleich klingt. Dazu lässt er die vielen Lichter blinken und getunte Discomusik von der Minidisk laufen, „All Time Summer Hits“, und zwischendrin ertönt auch mal ein übersteuertes Windrauschen. „Wie sieht’s aus, seid ihr immer noch fit?“, erkundigt er sich freundlicherweise irgendwann bei den Fahrgästen.

Auf keinen Fall, denke ich. Und rufe mit aller tonalen Überzeugungskraft, die ich noch aufbringen kann: „Neeeeein!“

Erlösung, Stillstand. Die Gondel hat sich ausgependelt. Der Riesenschaukelbremser in der schwarzen Bomberjacke kommt zu mir und befreit mich vom Sicherungsbügel. Doch das Adrenalin wütet noch in meinem Körper. Vorsichtig lasse ich mich vom Sitz gleiten. Ob meine weichen Knie gleich zusammenklappen? Mit wackligen Beinen und zitternden Händen kehre ich zurück auf dem Boden der Tatsachen. Nie wieder werde ich so ein Ding betreten.

„Viele wollen gleich noch mal“, versichert der 33 Jahre alte Betreiber des Extremfahrgeschäfts, mit dem er seit vier Jahren von Bonn aus von Jahrmarkt zu Jahrmarkt reist und nun, zur Frühjahrsmess, erstmals in Darmstadt Station macht. In der Tat lassen sich an seiner XXL-Riesenschaukel jede Menge vor allem junge Leute beobachten, die zwar leicht lädiert aber erheitert von einer Fahrt zurückkehren. Beim Betrachten sieht das Ganze ja auch recht gemütlich aus. Da schwingt halt eine sich gemächlich drehende Gondel hin und her.

„Wenn man drinnen ist, ist es extremer, als wenn man zuguckt“, hatte der nette Chef im Kapuzenpulli vorweggenommen. Hätte ich nur auf ihn gehört. Ich Weichei.[/tlg_tabs_content][tlg_tabs_content icon=““ title=“Im Stechschritt zum Postkunden“]

Im Stechschritt zum Postkunden

20.334 Schritte, 127 Stockwerke, 180 Pakete: Ein Arbeitstag im Leben eines DHL-Fahrers ist nicht nur körperlich ein Hochleistungsjob

Mit einem Sackkarren rollt Daniel John die kiloschwere Bücherkiste an die Haustür und klingelt. „Ja?“, fragt’s durch die Sprechanlage. „Morsche, die Post, ich hab‘ ein Paket für euch“, antwortet der Zusteller fast fröhlich. Im nächsten Moment stapft er auf Turnschuhen die Treppe hoch in den dritten Stock. Mit Ach und Krach erreicht er die Wohnung und wuchtet das Paket einem jungen Mann vor die Füße. Durchschnaufen, Unterschrift einholen, „Tschüss, schönen Tag noch“ – und weiter geht’s.

Seit mehr als zwanzig Jahren fährt der 44 Jahre alte Zusteller Pakete aus für die Deutsche Post DHL, und die Arbeit ist bei Weitem nicht leichter geworden. Schon nach zwei Stunden mit ihm auf Tour in seinem Martinsviertler Zustellbezirk wird spürbar, was für ein Hochleistungsjob das ist. Vor allem körperlich. Treppe hoch, Treppe runter – so geht das den ganzen Arbeitstag. Da kommt was zusammen: 20334 Schritte, 15 Kilometer, 127 Stockwerke hat sein Schrittzähler dieser Tage erst wieder registriert.

„Und es wird als mehr und schwerer“, erzählt John. Die Leute bestellten mittlerweile alles – von Autoteilen über Weinkisten bis zu Matratzen – im Internet. Im Schnitt liefere er 170 bis 180 Pakete pro Tag aus, heute sind es gar mehr als 190. Sie purzeln teils regelrecht aus dem Transporter, wenn John die Tür aufmacht. Und doch sieht es ganz so aus, als mache er seine Arbeit gerne. Er mag den Kontakt zu den Kunden und pflegt ihn. Da wird immer wieder quer über die Gasse gegrüßt, und auch mal kurz an der Tür ein Plausch gehalten.

Viel Zeit ist dafür freilich nicht, denn nach Möglichkeit soll der Zusteller in seiner Dienstzeit die ganze Wagenladung ausliefern. Stück für Stück arbeitet er sich die Straßen entlang, mal fährt er hundert Meter, dann hält er wieder an – mangels Platz auch mal direkt auf der Straße. „Ich versuche, den Verkehr nicht zu blockieren“, sagt er. Doch das gehe nun mal nicht immer. Manchmal verstellt er auch mal halb einen Radweg. „Aber da ich so stehe, dass die schön drum herum fahren können, ist es okay.“, findet er. Er mache sich da nicht verrückt.

Anderthalb Stunden nach Dienstbeginn hat John den Rhönring geschafft, nun geht es weiter in der Kranichsteiner Straße. Eine Stammkundin mit Babybauch kommt den Gehweg entlang und begrüßt ihn. „Ich freu mich, dass du wieder da bist“, sagt sie zu John, der gerade zwei Wochen mit seiner Frau im Urlaub war. Seine Vertretung sei „naja“ gewesen, moniert sie. „Der stand unten im Haus und hat gesagt, ich kann nicht mehr.“

Daniel John kennt das. „Manche schaffen das körperlich nicht so.“ Dann werde ein Paket auch mal nicht hoch gebracht. Es gebe durchaus Kollegen, die Kunden in oberen Stockwerken von vornherein eine Benachrichtigungskarte in den Briefkasten stecken, ohne überhaupt zu klingeln. Oder es scheitere eine Zustellung daran, dass die Deutschkenntnisse des Zustellers nicht ausreichten. „Das hast du überall“, bestätigt er. Das betreffe alle Paketdienstfirmen.

„Aber was willst du machen, wenn du keinen Deutschsprachigen findest, der die Arbeit für das Geld machen will?“, sagt John, auch Gewerkschaftsmitglied bei Verdi. Er selbst arbeite 38,5 Stunden an fünf Tagen pro Woche und bekomme rund 2000 Euro netto raus. Etliche Kollegen indes seien seit Jahren bei dem 2015 gegründeten Subunternehmen DHL Home Delivery beschäftigt und verdienten weniger. „Wir haben einen Personalmangel, das ist Wahnsinn“, stellt er fest. Da müsste die Post seiner Ansicht nach „einen Sprung machen und sagen: Ich bezahl so gut, dass ich super qualifizierte Kräfte habe.“

Doch super bezahlt, so moniert der Paketfahrer, würden bei der Post halt vor allem die Manager. Dabei sei DHL für ihn als Paketfahrer grundsätzlich in vielem ein guter Arbeitgeber. „Du kriegst ein Super-Auto gestellt, einen Sackkarren, Dienstkleidung, bis auf die Schuhe“, unterstreicht er. Die Touren seien für die Dienstzeit fair bemessen und bewältigbar, ab und an erhielten sie ein Rückentraining, auch nach den Füßen werden geschaut. Aber dass man so eine Arbeit bis ins angestrebte Alter von 67 Jahren machen kann, hält er für unrealistisch.

„Früher bin ich die Etagen hochgejoggt“, erzählt er. Aber man werde langsamer. Am Ende der Woche täten ihm oft die Beine weh, das Knie schmerze ab und an auch schon. „Die meisten gehen zwischen 60 und 63 in Rente.“ Doch so weit ist Daniel John noch lange nicht. Mit einem weiteren Paket in der Hand sprintet er schon wieder in den nächsten Hauseingang. Nur als er dort kurz über den Fliesenboden gleitet, stellt er fest: „Ich muss bald wieder die Schuhe wechseln, die sind schon wieder glatt gelaufen.“[/tlg_tabs_content][/tlg_tabs]