| |
Tote Mäuse und Pommes rot-weiß
Die Generation X hatte sich schon am Donnerstag vormittag auf dem Karolinenplatz breitgemacht. Ihr großes Kreide- und Klebebandzeichen hatten sie vorsorglich auf dem Pflaster hinterlassen, inmitten großflächiger Quadrate, die im voraus die Lage des Verkaufsstands markierten. "Das gehört uns", stand dort jetzt frech, oder schlicht "besetzt". Ein Hauch von Anarchie?
Keine Panik: Auch ein Jesus war unter ihnen. Zumindest hatte ein Beschicker - nomen est omen - diesen Namen auf den Boden geschrieben. Und auch "Anja, Alex, Mike" hatten sich per Griff zur Kreide schon früh ein günstiges Plätzchen seitlich des Staatsarchivs gesichert, wohl ahnend, daß der für Samstag erwartete Sonnenschein diesmal besonders viele Flohmarktfans auf den halbjährlich zwischen Schloß und Herrngarten abgehaltenen Trödelmarkt treiben würde.
Freitag nacht, 2 Uhr. Oben funkeln die Sterne, unten leuchten die auf Tapeziertischen oder auf dem Pflaster verteilten Kerzen nächtlichen Flaneuren den Weg. Taschenlampen sind diesmal überflüssig - wärmende Schlafsäcke und dicke Decken nicht. "Wir wollen die Nacht hier durchhalten, aber dickere Socken wären gut gewesen", bemerkt fröstelnd ein junger Verkäufer, der mit Freunden hinter seinem für die Auslage aufgestellten Tapeziertisch nächtigt. Er ist zum ersten Mal dabei und wundert sich, was die Leute alles kaufen: "Sachen, von denen ich nie gedacht hätte, daß ich die los werde", schüttelt er ungläubig den Kopf.
Seine Nachbarin ist derweil in ein kompliziertes Verkaufsgespräch verwickelt: "Ist das 'n B-Netz-Telefon", fragt ein Interessent entzückt, und es entfährt ihm: "Ey, geil, das hat noch 'ne erweiterte Schnittstelle gehabt." Das ist der jungen Händlerin zu hoch, die schließlich genervt Klartext will: "Kaufstes oder kaufstes net?"
Die Betreiber der beiden Imbißstände können sich über mangelnde Kauflust nicht beschweren. Vor allem jugendliche Nachtschwärmer legen hier - "einmal Pommes rot-weiß, bitte" - eine Flohmarktpause ein. Auf einem der Stehtische hat einer die erste Jagdtrophäe abgestellt: einen überdimensionierten Gartenzwerg. Eine junge Frau fährt in zusammengekrümmter Körperhaltung ein frisch erstandenes Kinderrad vom Platz. Ein anderer trägt freudig einen Stapel Schallplatten vor sich her. "Tote Mäuse", ruft ein Händler weiter hinten durch die Nacht und präsentiert einen noch in der Mausefalle eingeklemmten Nager mit Genickbruch, der drei Stunden vorher verschieden war. Solch makabere Scherze findet - "Oah, wie fies!" - allerdings nicht jeder lustig.
Am sonnigen Samstag, dem eigentlichen Flohmarkttag, sind begehrte und seltene Stücke schon schwerer zu finden. Am frühen Mittag sind viele Händler schon mit dem Zusammenpacken der Reste beschäftigt oder versuchen sie - "jedes Teil eine Mark" - noch schnell unters Volk zu bringen. Die Händlerrufe vermischen sich mit den rhythmischen Trommelklängen, die eine Gruppe junger Musiker produziert. Die Klänge dringen bis in den Herrngarten, wo sich viele genießerisch-faul auf die Wiese gestreckt haben, während andere noch suchend in den Restbeständen stöbern. "Ich hab gehört, da hinten verkauft einer tote Mäuse", sagt eine junge Frau im Gewusel zu ihrem Freund. Der grinst und sagt: "Komm, lass uns lieber Pommes essen gehen."
|