Im Puls der Volksfestnostalgie

High-Tech-Menschenschleudern beiseite: Auf althergebrachten Jahrmarkt-Pfaden zwischen "Haut den Lukas" und Liebesbarometer

Auf dem Riesenrad spitzen sich die Lippen nahezu automatisch. „Pffft“, macht der Lausbub mit dem Mund und schickt ein Bällchen Spucke auf die Reise nach unten. Gebannt schaut er dem fliegenden Speichelobjekt hinterher, dann verzieht sich der Mund zu einem gewinnenden Grinsen und legt zwei Zahnlücken frei. „Getroffen“, ruft der kleine Schelm und freut sich einen Ast. Wenn er groß ist, erzählt er noch, will er zur Bundeswehr. Na, treffen kann er jedenfalls.

Heinerfestsamstag mit allen Sinnen. Eine solche Tour muss nicht zur Ganzkörpertortour werden - lässt man die High-Tech-Menschenschleudern mit Schwindel-Garantie beiseite und wandelt auf althergebrachten Jahrmarkt-Pfaden. Jenseits des Zeitgeists schlägt das Lebkuchenherz zwischen Frau ohne Unterleib, Ponyreiten und Luftballonwerfen nach wie vor im Puls der Volksfestnostalgie. Und der Duft von Popcorn und Bratwurst wirkt wie Schmiere im Alte-Schule-Gang.

Das Liebesbarometer steigt. Und steigt. Und steigt. Beide Hände liegen auf einer Metallplatte und geben ihre Wärme gemächlich an den kalten Stahl ab. Dann kommt die rote Flüssigkeit plötzlich zum stehen. Jetzt schon? Stufe 5: „Leichtsinnig.“ Hm. Leichtsinnig? Was soll das heißen? Konkreter wird der Horoskop-Automat. Münze rein, Zettel raus: „Im Moment ist Ihr Charme etwas zu unwiderstehlich“, verheißt die Maschine. „Eine Herzensangelegenheit kann am Dienstag zu einem kleinen Rätsel führen.“ Aha. Aha? Das Sprachzentrum ist unbefriedigt. Die Stirn kräuselt sich.

Hirn an Hände, Hirn an Hände: Bitte fest zupacken. Das ist an der Kräftemess-Station „Haut den Lukas“ nicht das Problem - sondern das Hochheben. Doch die Information, dass allein der Hammer zehn Kilo wiegt, kommt zu spät. Jetzt heißt es: bloß nicht kneifen. Ausfallschritt. Der Körper windet sich unter der Last des Hau-drauf-Geräts, die Wahrnehmungszentrale registriert viele Beobachter und verordnet Erfolgsdruck. Peng, daneben. Nicht getroffen - Schnaps gesoffen?

Nein, Zuckerwatte gegessen und mehrere Körperteile verklebt. Wie konnte sich dieser Gaumen- und Geschmacksgau nur über Jahrzehnte als fester Volksfestfaktor halten? Erster Biss - igitt: Die Zunge fühlt sich, als sei sie in ein feinmaschiges Spinnennetz geraten. Zweiter Biss - bäh: Die Zähne kauen süße Glaswolle, die im Mund sofort schmilzt und dort die Geschmacksnerven einseitig belastet.

Schnell ein herbes Bier zum neutralisieren - nach dem deutschen Reinheits- und Feiergebot eingeschenkt im Hamelzelt. Dort herrscht deftiges Raumklima. Zum Ketchup-Song der Live-Kapelle steigen die schon ordentlich Angesäuselten auf die Biertische und lassen die Hüften kreisen. Kleinhirn an Körper, Kleinhirn an Körper: Bitte fertig machen zum Flirten. Ein älterer Herr mit weißem Haupt versucht sich in tanzender Annäherung zu einer Dunkelhaarigen. Sie passt. Und ihr rotgemalter Mund bestellt noch ein Bier.

Für eine andere „Revue der Illusionen“ müssen die Zuschauer am Samstag nur den halben Eintritt zahlen, bekommen aber dafür das volle Programm Freakshow für Arme: Monsieur Bruno mit französischem Akzent präsentiert Frauen im Kasten mit Kopf aber ohne Unterleib oder mit Unterleib aber ohne Kopf. Und rammt im Rotlicht Eisenstäbe in eine Zuschauerin. „Applaus, sie ist durchbohrt!“ Augenbrauen werden staunend nach oben gezogen, Münder verziehen sich zu einem amüsierten Lächeln.

Blutdruck an Adern, Blutdruck an Adern: Bitte mehr Saft in die Kopfregion pumpen. Das Kettenkarussell bringt den Körper an den Rand eines angenehmen, leichten Schwindelgefühls. Und lässt Augen funkeln. Beine baumeln kindlich vom Korbstuhl, und der Fahrtwind streichelt Haut und Haar - ganz so, als sitze man am Meer. Doch dann steht der Nostalgie-Wandler wieder mitten im Festtaumel. Und steuert die gebrannten Mandeln an.