Ein trinkender Club mit Lauf-Problem

Derbe Sprüche, viel Bier: Bei den "Hash House Harriers Frankfurt" ist die Schnitzeljagd regelmäßig der Weg zum Suff

Brownie, die braun gebrannte Jungfrau, wird paniert. Um sie herum stehen etwa fünfzig johlende Männer und Frauen, bespritzen sie mit Bier, bestäuben sie mit Mehl. Anschließend muss sie einen Humpen voll Bier leeren. Ohne abzusetzen. Den Rest kippt sie im hohen Bogen hinter sich. So funktioniert das Tauf-Ritual bei den „Frankfurt Hash House Harriers“.

Sie halten sich für einen wilden Haufen und benehmen sich entsprechend. Jeden Montag treffen sie sich, immer um punkt 19 Uhr. Im Winter sonntags um 12 Uhr. Nur die Orte wechseln. „Da kann es Bindfäden regnen, der Termin steht“, erzählt Hedi Walter, Hash-Name „Hash-Quatsch“, die das Happening am Montagabend zusammen mit Ferdi „Red Baron“ Breuksch in einem Feld am Darmstädter Hofgut Gehaborn organisiert hat. „Dass es ausfällt, das hat's noch nie gegeben“, betont sie. Das gilt weltweit, denn überall wird gehasht.

Und das schon seit Jahrzehnten: Angefangen hat es 1938 in Kuala Lumpur in Malaysia, das damals von den Engländern besetzt war. Dass die sich gerne mal einen hinter die Binde kippten, ist kein Geheimnis. In diesem Falle taten sie es in so genannten „Hash-Houses“ - Haschee-Häusern, Spelunken. „Harrier“ dagegen kommt von „hare“, dem englischen Wort für Feldhase.

„Erst laufen, und dann schmeckt das Saufen noch viel besser“, packt Ferdi Breuksch, der rote Baron, in eigene Worte, was sich die Herren Kolonialherren damals gedacht haben. Das Ergebnis: Eine Art Schnitzeljagd mit anschließendem Extrem-Umtrunk inklusive englischer Trinkgesänge und feucht-fröhlicher Spielchen. Manchmal auch unter Wasser, in der Kanalisation oder per Pedale. Eine Tradition, die heute fast auf der ganzen Welt praktiziert wird. Wer hasht, findet überall Freunde. Dass es sich dabei nicht selten um betuchte Leute handelt, kommt nicht von irgendwo. „Die meisten waren im Ausland und haben das dort kennen gelernt“, erklärt sich Hedi „Hash-Quatsch“ Walter die Tatsache, dass bei den allwöchentlichen Zusammenkünften Bankleute auf Unternehmensberater oder Manager treffen und sich dann kollektiv derb geben.

Uwe Hörning, der hier - sexuelle Anspielungen stehen ebenfalls hoch im Kurs - „Horny Horn“ heißt, bläst in sein verbeultes Blechinstrument: „Trööt!“ Es geht los. Fünfzig Menschen suchen nach Orientierung. Wo ist das erste Zeichen? Blicke wandern über den Boden. Da, ein gerader Strich aus weiß strahlendem Mehl. „On“, brüllt einer übers Feld, und der Pulk läuft weiter. Richtige Fährte. Blöd dagegen sind die „U-Turns“: Da heißt es umdrehen.

Es ist ihr 699. Lauf. Acht Kilometer lang geht's durch Wald und Feld, vorbei an meterhohen Maispflanzen und dem Weiterstädter Gefängnis. Die Sonne brennt heiß. „Father Abraham“ kann nicht mehr: „Ich hab' das Gefühl, ich krieg 'n Hitzschlag.“ Doch ein paar Meter weiter naht das rettende Mehlzeichen: Ein Bierglas mit Geradeaus-Strich. „Wo ist das Bier? Ich will das Bier riechen!“, ruft eine Läuferin mit rauher Whiskystimme - wie üblich in englischer Sprache.

Zurück am Ziel: Schon nach einer viertel Stunde ist das erste 20-Liter-Fass Bier geleert. „Muffdiver“ musste seins aus dem neuen Turnschuh trinken. Auch so ein Ritual. In der Abenddämmerung im Kreis stehend, geben sich die Frankfurter Hash-House-Harriers alle Mühe, ihren Leitspruch in die Tat umzusetzen: „A running club with a drinking Problem.“ Gilt auch umgekehrt: Ein trinkender Club mit einem Lauf-Problem.