Ein Königreich für einen Kühlschrank

An der Jahrhundertsommerhitze scheiden sich die Geister: Für Asphalteure ist sie eine Qual, Eisafés bringt sie Geldsegen

Jedes Luftholen ist ein giftiger Stich. Der dichte Dampf schnürt die Kehle zu, legt sich über die Schleimhäute, strömt stinkend in die Lunge, als wolle er auch sie teeren. Erstickungsgefahr. Vom Himmel brennt die Sommerhitze und lässt die Straße flimmern. Doch das sind nur Peanuts verglichen mit der heißen Masse, die da über den Boden wabert. Die Männer, darübergebeugt, schwitzen - „wie Sau“, stöhnt einer. Für Hubert, der danebensteht, keine Frage: „Menschen, die sowas machen, sind abartig.“

Der junge Mann gehört zu dem Trupp, der derzeit die Weisenauer Brücke asphaltiert - in der brütenden Julisonne eine besondere Qual. „Bei uns geht's noch, wir sind die Fahrer“, sagt Hubert. „Aber die Masse ist 240 Grad heiß, und dazu brennt's von oben noch mit an die 40 Grad.“ Bedauernswerte Kerle - eine Erkenntnis, für die es kein besonderes Einfühlungsvermögen braucht. Sie nennen sich Gussasphalteure, sie arbeiten oft zehn bis zwölf Stunden am Tag und sie schauen jeden Abend mit Bangen die Wettervorhersage und beten: Bitte, Wettergott, schick ein paar Wolken vorbei.

Für Lino Candiago gilt das Gleiche - nur umgekehrt. „Wir beten jeden Abend, dass es am nächsten Tag heiß wird“, erklärt der Rüsselsheimer Eiscafé-Besitzer geschäftstüchtig, während er zurückgelehnt einem Tisch in dem angenehm belüfteten Café sitzt. Von seiner Stirn rinnt kein Schweiß. Nicht ein Tropfen. Woher auch. Die kühlen Leckereien, die er mit einem Lächeln austeilt, weisen Minusgrade auf. 16 Grad unter Null, um genauer zu sein. Außer Schokolade. „Das ist ein Grad wärmer, weil's fettiger ist.“ Ob es einen da manchmal nicht bei der Arbeit friert? Er lacht. „Nein, wir stehen ja nicht im Kühlschrank, sondern das Eis.“

Ein Königreich für einen Kühlschrank. Das mag durch manchen Kopf der Arbeiter an der Mainspitze schwirren. Doch bei den dort herrschenden Wüstentemperaturen käme das eher einer Fata Morgana gleich. Stattdessen jedoch die Erkenntnis: „Alles pisswarm hier“, wie einer über den Erfrischungsnotstand schimpft. Und dabei verarbeiten sie doch dort täglich über hundert Tonnen „Bowle“ - so zumindest nennen sie das schwarze Teergemisch, das aus den heißen Kesselwagen qualmend auf die Straße quillt und bei Nicht-Geeichten Atemnotsanfälle evoziert.

Für die Asphalteure jedoch heißt es ranklotzen. „Mit der Bowle muss man schnell fertig werden, weil sie sonst zäh wird.“ Da bleibt manchmal nur noch Galgenhumor. „Ich brauch nicht nach Mallorca zu fliegen, ich hab's auch hier schön warm“, befindet Hubert ironisch und grinst. Wahrlich. Ein Blick in die Runde könnte Strandatmosphäre aufkommen lassen. Die nackte Haut ist favorisierte Arbeitskleidung. Fast kein Oberkörper kommt angezogen daher, die Blaumänner sind hochgekrempelt. Einer hat seine Hosenbeine so sehr über die Hüften geschoppt, dass sie einer Badehose gleichkommen. Ihre Haut ist braun gebrannt wie ein krosser Gänsebraten, darauf die Tätowierungen ausgeblichen und matt. Das einzige, was hier Glanz verbreitet, sind die Goldkettchen um die Hälse - und, freilich, der Schweiß, Schweiß, Schweiß.

In der sauberen Eisküche der Familie Candiago blitzen die Kühlschränke in hygienischem Silber. Und auf den Hemden des Candiago-Teams tanzen grüne Limonen auf blauem Grund. Einen Kocher haben sie auch, doch brodelt darin kein giftig schwarzer Asphalt, sondern reine weiße Milch. Es duftet süß nach Sahne und Zucker, nach Erdbeeren und Orangen. 48 Sorten servieren die drei Inhaber-Brüder täglich aus eigener Kreation. Hängen einem die kühlen Kugeln da nicht langsam aus dem Hals heraus? Mitnichten, versichert Lino Candiago und rührt - ganz Geschäftsmann - die Werbetrommel: Eis sei sehr gesund, weil voller Nährstoffe. „Es kann eine Mahlzeit ersetzen und verdaut sich schneller“, erläutert er weiter. Und: „Es erfrischt und hilft gegen den Durst.“

Gegen die trockenen Kehlen der Gussasphalteure auf der Autobahnbrücke hilft nur eins: trinken, trinken, trinken. Mutation zum menschlichen Durchlauferhitzer: Sieben bis acht Liter laufen während einer Schicht in ihren Hals. „In kleinen Schlücken“, erläutert Tobias Buhtz die effizienteste Strategie. „Zuviel ist auch nicht gut.“ Und abgesehen davon ist irgendwann auch hier die Grenze erreicht. „Am Anfang läuft der Schweiß ohne Ende, doch später kommt gar nichts mehr raus“, berichtet der Zweiundzwanzigjährige, ein nasses Schweißband um den Kopf.

Es ist Mittag, die Sonne steht im Zenit, doch bei den Arbeitern ist bald Schicht im Schacht. „Noch bis 14 oder 15 Uhr“, sagt Tobias, „dann bist du völlig alle.“ Zu Hause mache er sich dann erstmal eine Fettbrühe, um wieder hochzukommen. Und anschließend gibt's viel Obst, „damit sich der Körper wieder erholen kann“. Ob er da nicht lieber Eisverkäufer geworden wäre? „Ich wollte das schon immer machen“, erklärt sich der junge Mann, der den Job vor sechs Jahren gelernt hat. Warum? „Mir macht das Spaß, ich bin im Freien und an der Sonne“, sagt er, schickt ein Lächeln hinterher und wendet sich wieder dem qualmenden Asphalt zu - allerdings nicht, ohne sich vorher eine Zigarette anzuzünden. Ein Asphalteur muss Rauchzeichen setzen. Alles andere wäre wohl unehrenhaft - wie Milcheis ohne Milch.