Die Übertreterinnen

Fluch und Segen Islam: Warum eine Katholikin zur Muslimin wurde und eine Iranerin zum Christentum konvertierte

Das Telefon klingelt, doch keiner reagiert. Jetzt nicht. Donata muss sich ranhalten. Im Schlafzimmer steht ein wichtiges Ritual an. Zwischen Schrankwand und Computer bückt sich ihr Mann auf dem gewebten Teppich vor ihr zum Boden. Rumpfbeugen für Allah. Sie kann nicht. Mit dem dicken Schwangerenbauch muss sie Gott vom Bürostuhl aus ihre Dankbarkeit erweisen. Doch der versteht das schon. „Allah hört auf den, der ihm dankt“, spricht ihr Mann auf arabisch vor sich hin. „Allah ho akhbar“ - Allah ist mächtig. Immer wieder, fünf mal am Tag.

Als Kind wollte Donata Rabiai immer einen Chinesen heiraten. „Weil die so gut Karate können“, sagt sie und lacht über ihre Vorstellungen von einst. Jetzt ist die Darmstädterin 23 Jahre alt und mit „Jesus“ verheiratet. Doch wirklich, Jesus - so lautet der arabische Name ihres Mannes Aissa auf Deutsch, erklärt die gebürtige Italienerin. Ihr Name heißt übersetzt „Geschenk Gottes“. Und ihr Sohn, es wird ein Sohn, soll auch einen Namen mit religiöser Bedeutung bekommen. Donata mag das. Mittlerweile. Früher, zu ihrer katholischen Zeit, war das noch anders. „Ich habe schon immer an Gott geglaubt. Aber dieses Leben für Gott, tagtäglich, das kannte ich nicht.“ Dann wurde sie Muslimin.

„Einen Italiener heirate ich auf keinen Fall, da könnt ihr machen, was ihr wollt“, hatte die quirlige Frau stets zu ihren Eltern gesagt. Stur war sie schon immer. „Mein Mann und meine Mama sagen immer: Dein Kopf ist härter als eine Bratpfanne. Das stimmt“ Dann kam Aissa, der algerische Muslim, und hat nicht mehr locker gelassen. „Da hab' ich übers Ziel hinausgeschossen und so'n Araber genommen“, sagt Donata und lacht. Sie lacht viel. Und Aissa lacht viel mit.

Laleh dagegen ist eine ernste Frau. Oft schaut die Iranerin nachdenklich aus dem Fenster, während sie ihre Geschichte erzählt. „Viele wissen nicht, dass ich Christin bin“, sagt sie. Die Frau, die bei Darmstadt lebt, ist vorsichtig geworden. „Nach islamischem Recht ist es eine Todsünde, wenn man als Muslimin zu einem anderen Glauben übertritt“, erklärt sie - die Muslimin, die in der Osternacht 1998 zur evangelischen Christin wurde. „Mit dem Islam verbinde ich Unterdrückung und Gewalt“ Das Silberkreuz hängt als Bekenntnis an einer Kette um ihren Hals. Aber sie will lieber nicht, dass Fremde ihren Namen wissen oder sie auf der Straße erkennen. „Ich gehe nicht davon aus, dass hier lebende Muslime zu irgendwelchen Racheakten fähig sind“, betont sie, „aber das braucht nur einer dieser Fanatiker oder Verrückten mitzubekommen …“

Von der Sorte hat sie schon einige erlebt. Damals, im Iran. Sie atmet tief durch und holt weit aus. „Ich habe eigentlich keine Kindheit gehabt“, sagt die 36 Jahre alte Iranerin - ohne Verbitterung, sondern so ruhig und sachlich, wie sie oft spricht. Sie erzählt: Von ihrem Vater, der als linker Widerständler im Iran gegen das diktatorische Schah-Regime kämpfte und schließlich hingerichtet wurde. Von ihrer Mutter, die mit ihrem Mann im Untergrund kämpfte. Von sich selbst, die oft verdeckt leben musste, Flugblätter verteilte und Unmengen von Büchern las. Und von ihrer Flucht über Kurdistan und Bagdad nach Frankfurt, wo sie im November 1982 mit dem Flugzeug landete. „Es war einer der kältesten Winter in Deutschland“, erinnert sich Laleh noch gut an diesen Kaltstart in ein neues Leben. „Aber nach einem Jahr Fluchtweg habe ich gedacht: Gott sei Dank.“

So bewusst, wie heute, kam ihr dieser Gedanke damals wohl noch nicht - denn da hatte sie mit Gott nicht viel am Hut. Im Gegenteil. „Ich kannte die Religion, wie sie im Iran an der Macht war: Unterdrückung pur, Gewalt, Angst“, sagt sie mit rot geschminkten Lippen. „Und als Frau ist es noch heftiger.“ Stichwort Kopftuch. Neulich erst musste sie eins tragen, um Fotos für die Geburtsurkunde machen zu können. „Ich verbinde mit den Kopftuch die Angst vor dem Regime im Iran. Es tragen zu müssen, ist schrecklich.“

Für Donata Rabiai ist es ein Segen. „Man sagt immer, die Frau wird unterdrückt im Islam - das stimmt überhaupt nicht. Im Gegenteil: Die Leute, die ihre Frauen unterdrücken, sind für mich keine praktizierenden Muslime.“ Sie verbindet mit ihrem Kopftuch Sicherheit. Früher hat sie es zu Hause heimlich getragen. „Und dann kam der Zeitpunkt, wo ich nicht mehr ohne rausgehen konnte“, erzählt sie. „Es macht mich stärker, ist eine Art Schutz.“ Schutz vor lüsternen Männerblicken.

Als Lustobjekt wird sie wohl nicht wahrgenommen - aber als bekennende Muslimin. Dass sie, wie sie betont, fanatische Islamisten aufs Tiefste verabscheut, kann man ihr dagegen nicht ansehen. Nach den Terroranschlägen auf die USA am 11. September erlebte sie massive Anfeindungen. „Wir haben ganz schön Angst gehabt“, erzählt sie und meint mit „wir“ ihre Freundinnen im Darmstädter Bildungs- und Freizeitzentrum muslimischer Frauen, in dem sie sich engagiert. „Ich würde so wohl auch bei der Arbeitssuche eher abgelehnt werden“, vermutet die Kauffrau für Bürokommunikation. „Obwohl ich die berufliche Qualifikation habe.“ Sei's drum, Allah ist wichtiger.

Hip-Hop-Musik schallt aus dem CD-Player in der aufgeräumten Küche. Ein junger Mann rappt: „Du bist nur einer, und dir gleicht keiner. Du gibst mir Frieden und dafür danke ich dir - Allah.“ Donata Rabiai hat den Kopf gesenkt und spricht die Worte beseelt mit. Freestyle-Bekenntnisse zu Beats. Vor ihr auf dem Tisch liegen die „Gebetszeiten für Darmstadt“, eine Tabelle mit minutengenauen Zeitangaben für die fünf täglichen Gebete gen Mekka. Strukturgeber Islam. Und der Prophet - „Friede sei mit ihm“ - ist allgegenwärtig. Ein ständiger Begleiter im Alltag. „Friede sei mit ihm“ - das sagt Donata immer, wenn der Name des Propheten fällt. Auch so ein Ritual. „Der Islam ist für mich die Vollendung der Religion, er ordnet das Leben“, sagt Donata Rabiai, die vor fünf Jahren das Glaubensbekenntnis sprach. „Das war genau das, was ich gebraucht habe.“ Früher sei sie ganz schön schlimm gewesen, habe jede Menge Mist gebaut. „Im Christentum haben mir diese strikten Richtlinien gefehlt. Und ich bin ein Mensch, der das scheinbar braucht. Dadurch geht's mir besser.“

Der Glaube kann Berge versetzen, heißt es. Was aber geht vor sich, wenn der Mensch den Glauben versetzt? „Es ist selten, dass jemand aufgrund einer Buchlektüre konvertiert“, sagt Sebastian Murken. „In der Regel hat es viel mit einer persönlichen Begegnung zu tun.“ Der Psychologe und vergleichende Religionswissenschaftler leitet die in Deutschland einmalige Arbeitsgemeinschaft Religionspsychologie, die der Universität Trier angehört und in Bad Kreuznach sitzt. Sie befasst sich unter anderem mit dem Phänomen des Glaubenswechsels. Auslöser sei oft das Kennenlernen eines religiösen Lehrers, Lebenspartners oder einer Gemeinschaft, erklärt Murken. „Es kann eine persönliche Krisensituation vorausgehen oder eine Sinnsuche. Aber oft ist es an eine Beziehung gebunden.“ Dass Konversion hier zu Lande noch nicht so ein Thema ist, liege auch daran, dass es in Deutschland mit den beiden Großkirchen keine Kultur des religiösen Pluralismus gebe. „In Amerika gehört es zur Sozialisation, dass man sich zwischen 18 und 28 Jahren bewusst für eine Religion entscheidet.“ Dort tummeln sich auch mehr, zum Teil sehr kleine Glaubensgemeinschaften.

Was aber unterscheidet Religionen überhaupt voneinander? Oder anders: Ändert ein Mensch auch den Glauben, wenn er die Religion wechselt? „Die Grundstrukturen sind dieselben. Aber die Frage ist natürlich, welche Religion für welchen Charakter geeignet ist“, sagt Sebastian Murken. Die Religionspsychologie frage nach der „Passung zwischen individueller Persönlichkeit und religiösem Angebot“. Vergleichsbeispiel Islam - Christentum: „Das sind beides abrahamitische oder so genannte Buchreligionen, die sich schon ähnlich sind“, erklärt Murken. Er könne sich aber beispielsweise vorstellen, dass jemand, der nach festen Strukturen sucht, eher zum Islam tendiert.

Laleh hat nach Gemeinschaft gesucht und sie im Christentum gefunden. „Jeder von uns ist etwas Besonderes, aber wir können nicht ohne einander leben. Wir sind eins“, beschreibt sie die Erkenntnis. Ihre Brücke dahin war ein Pfarrer. „Ein Spitzenmann, den ich sehr schätze.“ Und in der Bibel, mit der sie sich zum ersten Mal als Übersetzerin für die Taufe eines Afghanen befasst hat, fand sie die Lösung ihrer Sinnsuche. „Für mich ist es wichtig, was für andere Menschen zu tun, und ich habe das hier gefunden. Das ist mein Leben“, sagt sie. „Es ist in einem Wort: Liebe. Und das gibt es so im Islam nicht.“ Zwar ähnelten sich die Bibel und der Koran teilweise. „Aber im Islam gibt es mehr Beschränkungen. Dort musst Du so handeln, wie Gott es dir vorschreibt, sonst wirst Du bestraft. Aber ein Gott, den man fürchten muss, ist kein Gott.“

Trotzdem ist und bleibt sie auch Muslimin. Auf Lebenszeit. Denn in den Islam wird man hineingeboren, und aus ihm kann man nicht austreten. Für die selbstständige Frau ein Unding. „Jeder muss die Freiheit haben, sich für einen Glauben zu entscheiden.“ Ihre beiden Söhne durften sich das selbst aussuchen. Sie sind ebenfalls konvertierte Christen geworden. „Würdet ihr bitte Teller nehmen?“, hält die aufgeräumte Mutter die beiden an, die sich ein paar Kekse aus der Dose klauben. Teelichter liegen in einer Schale mit Trockenblüten. An der Wand hängen christliche Sprüche und Liedertexte. Umgeben vom Glauben - nicht nur im Gottesdienst, nicht nur im Gospelchor. „Sich zu Hause fühlen“, nennt Laleh das Gefühl als Christin. Nach einer bewegten Kindheit, Zeiten im Untergrund, im politischen Widerstand und auf der Flucht, ist sie anscheinend angekommen. Auch, wenn das manchmal nicht so einfach ist: „Ich bin Deutsche, ich gehöre hierher. Aber ich bin anders.“

Für Monika Wohlrab-Sahr hat ein Religionswechsel immer auch gesellschaftliche Dimensionen. Die Professorin für Religions- und Kirchensoziologie an der Theologischen Fakultät der Universität Leipzig interessiert die Frage: „Wie kommt es, dass Menschen sich verbindlich einem Glauben zuwenden, der in der eigenen Gesellschaft misstrauisch beäugt wird?“ Ihrer Meinung nach steckt dahinter auch, dass man sich zu einer Gesellschaft hinwendet beziehungsweise von ihr abgrenzt. „Es ist ein Schritt raus in was ganz anderes“, stellt sie klar.

„Konversion zum Islam in Deutschland und den USA“, lautet der Titel ihres 1999 erschienen Buchs - eine auf 41 biografischen Interviews basierende Vergleichsstudie. Ein Ergebnis liest sich in der Zusammenfassung so: „Während in den USA die Geschichte des schwarzen Nationalismus und die prekäre Lage der afroamerikanischen Minderheit einen kollektiven Hintergrund für Konversionen zum Islam darstellt, handelt es sich in Deutschland um stärker individualisierte Prozesse, die oft im Zusammenhang mit Partnerschaften mit muslimischen Migranten stehen.“

Aussagekräftige Zahlen zu konvertierten Muslimen gebe es nicht. Das bestätigt auch Andreas Lipsch, interkultureller Beauftragter der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau: „Bei den Muslimen ist das keine formale Sache. Da reicht das Bekenntnis zum Islam. Wir füllen ja immer brav Formulare aus.“ Religionssoziologin Wohlrab-Sahr unterscheidet drei Konversionstypen: Der erste sieht den Islam als Religion der Moral, die die Geschlechtsverhältnisse ordnet. Für die zweite Gruppe ist es vor allem eine Religion der Disziplin, die als Lebensstabilisierer fungiert. Und dem dritten Konvertitenkreis dient der Islam vornehmlich als Ideologie, über die ethnische Probleme artikuliert werden.

Donata Rabiai lässt sich in kein Schema pressen. Sie isst kein Schweinefleisch, aber sie schminkt sich. Sie hüllt ihren Körper gern in konturverdeckende Kleider, aber sie läuft nicht hinter ihrem Mann her. „Hintendran, wie so'n Hund, das ist grauenhaft.“ Da muss sich auch Gatte Aissa mal einschalten: „Wenn ich sowas sehe, krieg' ich zu viel.“ Ihrer Meinung nach hat das auch gar nichts mit dem Islam zu tun. „Das ist die Tradition, nicht die Religion.“ Und Donata begreift sich so gesehen nicht als traditionelle Muslimin, sondern als religiöse: „Die Nummer eins“ ist in da weniger ihr Mann, sondern Gott. „Er ist alles für mich.“

Die Bekanntschaft mit Allah verdankt sie ihrem Mann: „Er hat mich immer über meine Religion ausgefragt. Da habe gemerkt, dass ich gar nichts darüber weiß.“ Die neugierige Frau begann, sich mit dem Christentum zu befassen und stieß auf viele Widersprüche. „Ich frage immer nach dem Wieso und Weshalb und habe die Antworten schließlich im Koran gefunden.“ Das Beten brachte sie sich selbst bei. Donata Rabiai legt Wert auf ihre Eigenständigkeit. Auch, was ihren Glaubenswechsel angeht. Für ihren Mann jedenfalls habe sie das nicht getan. Der hätte sie auch als Katholikin genommen. „Das war meine Entscheidung“, betont sie. „Ich bin auch gar nicht der Typ, der sich zu was zwingen lässt.“ Ein Glaubensübertritt sei eine ernste Sache, die bewusst und von Innen heraus geschehen müsse. „Das bringt gar nichts, wenn man es nicht aus Überzeugung tut“, sagt sie und tut das Abendessen auf einen Teller: Risotto, islamisch-korrekt mit Hühnerfleisch.