Der Herr der Schlafmünzen

Ein 67 Jahre alter Rentner findet Geld, ohne es zu suchen - 3556 Münzen als Dokument, „was alles  auf der Straße liegt“

Der Mann, der seinen Namen nicht genannt haben will, hat zwei schwere Koffer voll Metall dabei. Er sieht elegant aus, wie er den langen Flur entlangkommt. Das graue Haar gepflegt frisiert, der mittelbraune Mantel verleiht ihm eine schmucke Statur. Doch er will kein Aufhebens um sich machen. Man könnte ihn einen Seher nennen. Oder einen Glückspilz. Oder weniger metaphorisch: den Münzenmann.

Halb genant, halb stolz klappt er seine Koffer auf und packt vier Aktenordner auf den Tisch. Was darin ist, ist nicht nur für ihn wertvoll. Kupfer, Messing, Nickel, Stahl. Prospekthülle an Prospekthülle, Reihe an Reihe, Klebestreifen unter Klebestreifen. 3556 Münzen, sortiert nach ihrem Prägewert - von Ein- über Zwei-, Zehn- und Fünfzig-Pfennig-Stücken bis zu Ein- und Fünf-Mark-Stücken. Auch ein paar Scheine sind darunter. Und 66 ausländische Münzen. Den Gesamtwert hat er mit gelbem Textmarker angestrichen: 466,28 Mark. Als Zahlungsmittel ab 1. März passé - für den Münzenmann nicht.

Auf den ersten Blick kann man dem 67 Jahre alten Mann aus Darmstadt den folgenden Satz eigentlich kaum abnehmen: „Geld war für mich nie das Wichtigste.“ Auf den zweiten Blick schon. „Ich hab's halt einfach so gesammelt“, befindet er zunächst lapidar. Aber warum hat er es nicht ausgegeben? „Gut, ich hätte es auch einfach in mein Portemonnaie tun können“, räumt er ein. „Aber ich will dokumentieren, wie viel auf der Straße liegt, und was alles zusammenkommt, wenn man es mal sammelt.“

In fast dreißig Jahren kommt viel zusammen. 1973 fing es an. Da fuhr der ehemalige Außendienstmitarbeiter mit seiner Frau zum Flughafen. „Da habe ich auf dem Boden eine Münze gefunden. Später beim Kaffeetrinken lag schon wieder eine rum. Und bis zum Abflug waren es drei.“ Das war das Münzenmann-Schlüsselerlebnis. Gefolgt von der simplen Erkenntnis, die sich in den Folgejahren kontinuierlich bewahrheitete: „Das Geld liegt überall, man muss es nur aufheben.“ Überall. Vor allem, wo viele Menschen vorbeikommen. In Kaufhäusern, Theatern, Supermärkten, Tankstellen oder Telefonhäuschen, zählt der Herr der Schlafmünzen ein paar Orte auf, wo das Geld vorzugsweise herumliegt. Wie er es dort findet? „Weil ich eben einen Blick dafür habe“, sagt der Münzenmann. Mit auf dem Bo-den gehefteten Blick laufe er jedoch nicht durch die Stadt. Er sucht nicht, er sieht.

Plötzlich deutet er beim Blättern durch die Ordner auf ein bemaltes Fünf-Pfennig-Stück: „Das habe ich gefunden in Wiesbaden in der Webergasse.“ An manchem Stück Geld klebt auch ein Stück Geschichte. „Gucken Sie mal“, ruft er und deutet auf einen Hundert-Lire-Schein. „Wo war denn das noch mal? Ach ja, das war in Tirol.“ Stellenweise kommt seine Münzsammlung gar geschichtsträchtig daher. Ein alter Zwanzig-Mark-Schein hier („die gibt's heut gar nicht mehr“), ein Hundert-Mark-Schein aus Inflationszeiten dort („bei meiner Mutter gefunden“). Gefunden von April '73 bis März '74, insgesamt vierzig Münzen - das steht auf der ersten Lage seiner Sammlung. Das ergiebigste Jahr lag zwischen dem April '78 und dem März '79: 278 Münzen sammelte er da. Und wann ist ihm zuletzt eine zwischen die Finger gekommen? „Gestern vorm Kaufhof, fünf Pfennig“, berichtet er. „Das wird wohl die letzte gewesen sein in diesem Jahr.“

Gegen Euro will er seine Privatsammlung nicht eintauschen. Da bekommt er sowieso nur den normalen Prägewert. „Ich werd's behalten“, hat der Münzenmann beschlossen. „Und weiter dem Motto des Quelle-Konsuls Schickedanz folgen: Der Pfennig ist die Seele der Millionen.“ Dann müsste er sich ab morgen allerdings eher dem Eurocent zuwenden. „Mal sehen“, sagt er etwas müde. „Ich komme eh nicht mehr viel raus.“