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Entschleunigte Wiegenlieder
Die erste Tat der Band besteht im Einstöpseln eines Laptops. Popmusik im Computerzeitalter. Ganz so einfach lassen sich "The Notwist " nicht einordnen: Zwar leuchtet der weiße Macintosh-Apfel als Symbol elektronischer Datenverarbeitung stetig vom Computergehäuse in Richtung Publikum. Doch aus den Gitarrenverstärkern dringen dazu immer wieder archaische Klänge - Rock, Blues oder Punk.
Dass die Bayern diese interessante Fusion aus digitaler und analoger Musik nicht nur in ihren Alben, sondern auch auf der Bühne elegant hinkriegen, führten sie am Donnerstag in der ausverkauften Darmstädter Centralstation eindrucksvoll vor. Zum Knacken aus der Konserve gesellt sich ein durchlaufender Schlagzeugbeat, einschmeichelnde Gitarrenriffs legen sich über tröpfelnde Elektrosamples, grabende Dub-Rhythmen wechseln sich ab mit krachenden Rückkopplungsorgien. Man stelle sich einen entspannten Spaziergang im warmen Sommerregen vor, der ab und zu von einem Gewittergrollen untermalt wird.
Kein Bombast, keine Hektik - Die Kompositionen leben von Geduld und Entschleunigung. Die Stücke folgen meist dem gleichen Schema: Sie beginnen leise, bäumen sich auf und klingen langsam aus. So entsteht bei aller Konstruktion dennoch etwas Organisches, in das man sich hineinfallen lassen kann, ohne dass es einem groß weh tut. Die Gebrüder Micha (Bass) und Markus Acher (Gitarre und Gesang) jedenfalls geraten dabei regelrecht in Trance und wiegen sich entrückt in eine ferne Welt. Nicht nur dies, auch der sich wiederholende Gesang wirkt zuweilen autistisch: Markus Acher wimmert kryptische oder banale Satzfragmente ohne viel Modulation ins Mikrofon, als singe er sie so vor sich hin - naiver Gesang zu ausgefeilten Wiegenliedern. Es passt, dass das Publikum dazu weiße Luftballons durch die Halle schnickt.
Martin Gretschmann dagegen, der auch bei dem Elektroprojekt "Console" die Tastatur bedient, schaut konzentriert auf den Monitor und bedient Regler. Und irgendwie haben sie alle etwas von jenen Jungs, die früher im Sportunterricht keiner in die Mannschaft wählen wollte. In der alternativen Musikszene aber spielen sie in Sachen Kreativität und Können nicht erst seit dem aktuellen Album "Neon Golden" in der ersten Liga.
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