Hart und Lässig

Sepultura in der Centralstation Darmstadt

Für einen Moment verharren sie in Dunkelheit. Eine Rückkopplung schwingt aus den Gitarrenboxen. Arme hoch, Licht an – die Gitarre surrt wie eine Wespe im Angriffsflug, das Schlagzeug poltert los, und Sänger Derrick Green drischt auf das Fell einer Extra-Standtrommel ein. Seine bis über die Hüfte hängenden Filzlocken wirbeln durch die Luft wie Peitschenriemen, sie machen ihrem Namen alle Ehre: „Dreadlocks“ sind nun mal „Schreckenslocken“.

Eine beeindruckend brachiale und zugleich abwechslungsreiche Show erlebten die Besucher am Donnerstagabend in der Centralstation beim Auftritt der brasilianischen Ausnahme-Metalband „Sepultura“. Seit die Gruppe aus São Paulo vor 25 Jahren die Bildfläche betrat, wusste sie mit ihrer kreativen Variante des Metal mit Elementen aus dem groovenden Hardcore, rauem Punk oder der perkussiven Weltmusik stets auch Zuhörer mitzureißen, denen Metal sonst oft zu eindimensional ist. Und sie bewiesen in der gut gefüllten Halle, dass sie dazu auch nach etlichen Besetzungswechseln und mit ihrem aktuellen Album „A-Lex“ noch souverän imstande sind.

Fast schon ein Wunderwerk an technischem Können und Spielfreude ist nach wie vor Gitarrist Andreas Kisser, dem die ganze Palette der Metalspielarten locker von der Hand geht. Im Gegensatz zu den Südstaaten-Schwermetallern der Vorgruppe „Crowbar“, deren Gitarrensound stets wie tiefergelegt auf dem Boden entlangkriecht, nutzt dieser energiestrotzende Gitarrero das ganze Griffbrett seines V-förmigen Instruments: Ob flinke Läufe über die Bünde, schwere Riffs, wiehernde Töne oder schräge Solos mit gezogenen Saiten – jeder noch so abwegige Ton sitzt hier perfekt, und das auch in der atemberaubend rasanten Hochgeschwindigkeitsvariante. Da wird hörbar, warum man hier auch von Gitarrenmusik spricht und Metal in seiner mathematischen Exaktheit zuweilen an eine Bachfuge erinnert.

Doch eine faszinierende Präzision zeichnet das gesamte Zusammenspiel des Quartetts aus. Schlagzeuger Jean Dolabella stanzt die Rhythmen zuverlässig unter die Gitarrenriffs wie eine Maschine, darauf legt sich passgenau der Bass von Paulo Xisto. Immer wieder fallen die Musiker zusammen in ein mit Vehemenz gespieltes „Bamm-Bamm“ oder einen kurzen Break, um sich im nächsten Moment wieder in die  lateinamerikanische Rhythmik fallen zu lassen, die für den Sepultura-Sound so typisch ist.

Jenseits abgeschmackter Metal-Posen agiert auch der mehr als zwei Meter große Hüne Derrick Green am Mikrofon wie ein Hulk: Zwar grunzt und brüllt er bedrohlich und inbrünstig wie eine auferstandene Mumie. Doch schwingt stets auch eine Art federnde Lässigkeit mit. Immer wieder lächelt er beseelt ins Publikum, mit dem die Band ohnehin viel kommuniziert, oder schickt eine Geste der Verbundenheit in die bewegten Reihen: Hand aufs Herz. „Sepultura“ präsentieren sich somit nicht nur als besonders mitreißende, sondern auch sehr sympathische Band.