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Ein Spot für den Spötter
Es ist dunkel im oberen Saal der Centralstation. Nur ein Spot leuchtet auf den Autor, der sich aus dem schwarzen Hintergrund schält. Ein Spot für den Spötter. Seine sonore Stimme ruft Erinnerungen an die Gute-Nacht-Vorlesestunde der Kindheit wach - ein vermeintlicher Märchenonkel, der geduldig das "r" rollt. Entsprechend entspannt liegt ein junger Mann zwischen den voll besetzten Stuhlreihen im Gang. Doch Einschlafen ist nicht. Nicht bei Max Goldt .
Schon die erste Geschichte des Wahl-Berliners trifft am Montagabend ins Rabenschwarze. "Das Diskretionsteufelchen und der Motivationsfisch": Hinter diesem kryptischen Titel verbirgt sich eine tabubrechende Abhandlung über die Untugend aus dem Leben Scheidender, die Hinterbliebenen mit lebenslang angesammeltem Kram allein zu lassen. "Man sollte rechtzeitig sterben und nicht erst, wenn es gar nicht anders geht", befindet Goldt trocken. "Deswegen ist es auch taktlos, jemanden zu ermorden." Das Publikum kichert. Der Lösungsvorschlag des wortgewandten Visionärs: Ein modernes Einschläferungsstudio mit bequemen Sofas und Diskretionskontainer für die Hinterlassenschaften soll stressfreies Sterben garantieren. Das Publikum lacht.
Vom Hundertsten ins Tausendste und wieder zurück. Der Kolumnen schreibende Redakteur des Satiremagazins "Titanic" springt auch in seinem aktuellen Buch "Der Krapfen auf dem Sims" gern abrupt zwischen scheinbar weit entfernten Stoffen, die am Ende nah beieinander liegen - verkettet durch seine Um-die-Ecke-Sicht der Dinge. Einmal startet er staunend in Las Vegas, dem "Museum der Verschwendung", für ihn die "legitime Nachfolgerin des deutschen Ökobrots". Denn: "Keiner kann es besser". Er begibt sich von dort auf Begriffsexpedition ins Satirereich, um zwangsläufig wieder in der Spielothek-Metropole zu landen, "der Satire auf amerikanische Großstädte" .
Ab und zu stößt jemand klirrend eine Flasche um, doch Max Goldt lässt sich nicht ablenken. Ein Profi sitzt da auf der Bühne hinter dem Lesetisch. Ein Sarkast, dem die Moden der Moderne auf den Keks gehen ("Den deutschen Pass hat nicht verdient, wem Baguette aus der Tasche ragt.") oder der Umgang mit schwammigen Begriffen wie "Kitsch": "Eine Totschlagvokabel, die gar nichts transportiert." Verbittert ist er jedoch nicht, er hat ja Humor. Und außerdem: "In meiner Brust zwitschert breitbeinig der Vogel der Zukunft", sagt er.
Als Beobachter wahrt Max Goldt die Distanz des Skeptikers mit gesundem Menschenverstand. Doch schreibt er dabei so eng am Alltag entlang, dass das Skurrile am Normalen aberwitzig zum Vorschein tritt. Wer so genau hinguckt, braucht sich nichts auszudenken. Freilich übertreibt er dabei, das ist lustig: Da wird dem frankophil verträumten Kinohit "Die fabelhafte Welt der Amélie" der "knallharte Skurrilitätsoverkill" attestiert. Oder der Pluralkult Neureicher genussvoll übersteigert: dass die am Sonntag keine Zeit haben, weil sie da mit ihren Anwälten und Ärzten Golf und Polo in Biarritz und Baden-Baden spielen müssen. Die Kunst der Übertreibung gipfelt in dem Text "Deine Reime sind Schweine (regelrechte Schweine)": drei Minuten voller Plattitüden, eine Parodie auf die Rapper-Kultur des Dissens, des gegenseitigen Heruntermachens, vorgetragen mit Brabbelschnute.
Max Goldts präziser, aber verspielter Umgang mit Worten ist experimentell, ohne in Verbal-Anarchie abzudriften. Zwischen "Anbrüllungen", "zertelefonierten Telefonbüchern" oder "Zweikomponentenrezepten" (Butterbrot), taucht "Maria, die Chefschreckschraube des Christentums" auf oder auch "Erdbebenopfer gemäßes Gepäck". Wen wundert es da, dass Goldt mit diesem Lebensmotto daherkommt: "Die Wüstenerbse ist die Staatsblume Südaustraliens."
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