Sätze wie Hiebe: Wolf Haas

Kein „Hallo“, kein „guten Abend“, auch keine Einweisungen in der Art von „Sie dürfen zwischendrin klatschen“. Nein. Er läuft auf die Bühne, setzt sich hinter den Lesetisch und legt schnurstracks los mit forschem Ton: „Meine Großmutter hat immer zu mir gesagt, wenn du einmal stirbst, muss man das Maul extra erschlagen.“ So beginnt das erste Kapitel von „Der Brenner und der liebe Gott“, und sein Autor liest es an einem Stück zu Ende.

Wolf Haas ist so stark vorgebeugt, dass sein Rücken einen leichten Buckel macht. Den Kopf hat er nach vorne geschoben in Richtung des Buches, das er mit beiden Händen  fest im Griff hat. Die Augen sind zusammengekniffen, als sehe er nicht recht. Dabei ist sein drauflos plappernder Mund so  ausholend in Bewegung, dass es nicht verwundern würde, wenn er einen Mundwinkel-Muskelkater bekäme.

Lesungen sind irgendwie eine fragwürdige Angelegenheit – auch dann, wenn man den Autor mag. Da liest dann jemand vor, was man schon selbst gelesen hat. Oder was man noch lesen will, und dann weiß man schon die Hälfte. Bei Wolf Haas gerät das Ganze wegen der engagierten Vortragshaltung fast schon zum Spektakel, in jedem Fall aber zum höchst amüsanten Akt. Das ist auch dem Gekicher im Publikum am Donnerstagabend in der Centralstation anzuhören, die den österreichischen Schriftsteller in Kooperation mit Darmstadts unabhängigen Buchhandlungen eingeladen hat.

Haas’ Unterhaltungswert hat viel zu tun mit seiner besonderen Schreibe, die live noch mitreißender zum Leben erweckt wird – und mit ihr die Figur des eigenwilligen Ex-Polizisten Simon Brenner, dem der fast fünfzigjährige Schriftsteller den nunmehr siebten Krimi gewidmet hat. Dabei pflegt er eine Schriftsprache, die mündlich klingt. Oft fehlt das Verb in den Sätzen, die gerade deshalb sitzen wie ein Hieb. Diese Sprachökonomie erzeugt eine Direktheit, die eher an eine Unterhaltung erinnert – und deshalb so unterhaltend ist. Verstärkt wird das noch durch das Erzähler-Ich, das das Leser-Du im Textfluss oft unmittelbar anspricht: „Ob du’s glaubst oder nicht.“

Außergewöhnlich gerät der Leseabend aber auch, als Wolf Haas sich zwischendrin vom eigenen Text ab- und denen zuwendet, die sich damit beschäftigen. Und zwar im Internet. Da liest er amüsiert Ausschnitte aus Leserkommentaren einer Online-Zeitung. Oder rezitiert genüsslich aus Internetseiten, wo Schüler verzweifelt nach Inhaltsangaben seines verfilmten Brenner-Buchs „Der Knochenmann“ für den Unterricht suchen. Diese Hilferufe hat er einfach kopiert und unter dem Titel „Der Inhalt“ einer Literaturzeitschrift geschickt, die einen Text von ihm wollte. Er hat sogar ein Honorar dafür bekommen.