Gesichter, die Bände sprechen

Richard Avedons Portraits im Berliner Martin-Gropius-Bau

Manchmal ist ein Porträt gerade deshalb besonders aufregend, weil gar kein Gesicht zu sehen ist. Da lenkt ein Frauenbein die Aufmerksamkeit des Betrachters ganz auf sich, eine schlanke Fessel ragt aus dem dunklen Pelzrand eines hochhackigen, geschlossenen Damenschuhs in Schwarz. Man sieht das blanke Bein nicht mal hoch bis zum Knie, der obere Teil ist von einem Pelzmantel verdeckt. Und dennoch ergibt sich das Bild einer Frau – die sich edel kleidet, die eine mondäne Strenge umgibt und die mit weitem Schritt schreitet über den Platz vor dem Eiffelturm, der nur schemenhaft im Hintergrund auftaucht.

Es ist interessant, dass ausgerechnet dieses Foto einer Extremität den Auftakt bildet zu der ersten deutschen Retrospektive des großen Schwarz-Weiß-Fotografen Richard Avedon im Berliner Martin-Gropius-Bau. Denn ansonsten ist es eine Schau der Gesichter. Nur einmal noch ein Porträt kopflos daher – und bezieht auch hier gerade daraus besondere Wirkung: Es zeigt einen nackten Männeroberkörper mit brutalen Einstichverletzungen, wulstige Narben ziehen sich quer über den Rumpf. Dass es der geschundene Körper von Andy Warhol ist, der einst Opfer einer Messerattacke wurde, verrät erst der Text. Zuvor dachte man allenfalls an einen Niemand, wie ja Opfer leider viel zu oft Nobodies sind.

Ob nun mit Kopf oder ohne: Richard Avedon, 1923 in New York geboren, 2004 in Texas gestorben und dazwischen sechzig Jahre lang schon zu Lebzeiten einer der bedeutendsten Menschen- und Modefotografen, macht das Objekt zum Subjekt. Das gilt schon für seine frühe Modefotografie ab 1946, mit der die chronologisch gehängte Schau von mehr als zweihundert seiner Werke beginnt.

Der Fotograf haucht Models und Mode Leben ein, indem er sie in Bewegung zeigt, auf den Straßen oder im Nachtleben von Paris. Es ist eine szenische Modefotografie, die Stoffe fließen und Haare fliegen lässt und Models erhebt über eine reine Objektfunktion hin zur Filmrolle.

Fast bahnbrechend in der Welt perfekter Inszenierung perfekter Frauen in perfekten Kleidern: sein Verzicht auf Kunstlicht. Bevor Avedon in den fünfziger Jahren die Models in den atemberaubenden Roben von Dior und Co. in den Pariser Studios der Modezeitschrift „Harper’s Bazaar“  ablichtete, riss er Fensterverkleidungen herunter und fotografierte die edel gekleideten Damen dann bei Oberlicht vor einem dunkelstumpfen Stück Stoff, das am Rande ausfranselt und Wellen schlägt.

Es ist oft kompositorischer Bestandteil von Avedons Fotokunst, dass man ihr das Handwerk ansieht. Da ist die notdürftige Art, mit der ein Hintergrundstoff festgepinnt wurde, Teil der Inszenierung. Typisch Avedon sind auch die schwarzen Rahmen um seine Porträts, die den Belichtungsvorgang beim Abziehen auf Fotopapier dokumentieren. Überhaupt offenbaren seine Bilder eine Experimentierfreude, die jedoch nicht zu verspielt, sondern angemessen eingesetzt wird – vom grobkörnigen Einfangen einer verwehten Strandszene bis zum aufwühlenden Wahnsinnseffekt, den eine lange Belichtungszeit in einem geschüttelten Tanzlehrer-Gesicht hinterlässt.

Doch starke Spannung entwickeln die Porträts, die den Fokus ganz und klar auf den Menschen legen, wenn kein Dahinter oder Daneben ablenkt. Das wirkt pur und ehrlich – sogar bei denen, die geübt sind im Posieren. Der leere Blick einer todtraurig aussehenden Marilyn Monroe (1957) erweckt hier fast den Eindruck, Avedon habe sie in einem unbeobachteten Moment erwischt.

Salman Rushdie (1994) gewährt tiefen Einblick in satanische Augen. Und Truman Capote (1974) schaut so angewidert unter seinen halbgeschlossenen Augenlidern hervor, dass einem fast vom Zusehen schlecht wird.

Besondere Perlen jedoch, gerade in der räumlichen Nähe zu all den Prominenten, sind die Menschen, die Richard Avedon von 1979 bis 1983 bei seinen Reisen durch den amerikanischen Westen vor einen weißen Hintergrund stellte: Der Lastwagenfahrer, die Kellnerin, die Physiotherapeutin zehren von der Attraktivität des Unbekannten. Da wird die Betrachtung zum Ratespiel zwischen Schein und Sein, entpuppt sich der junge Beau als Fleischpacker, die Drogenabhängige als Krankenschwester und der Regisseur als Landstreicher.

Es ist eine facettenreiche und empfehlenswerte Ausstellung im altehrwürdigen Martin-Gropius-Bau, der noch dazu eines der schönsten Museen in der Mitte Berlins ist. Die Gesichter, die Richard Avedon zeigt, sprechen Bände.