Feine Aromen statt Fleischberge

Mit griechischer Gastronomie in Deutschland ist das so eine Sache. Die einen bleiben beharrlich zugeneigt, auch wenn die oft fleisch- und fettreichen Speisen wie Pflastersteine an den Magenwänden entlangzuschaben scheinen. Die anderen winken dankend ab, weil die mit gesundheitsbewusster Ernährung sozialisierten Verdauungstrakte so was einfach nicht mehr mitmachen. Und „Griechischer Wein“, das wusste Udo Jürgens bereits trefflich in die Worte seines melancholischen Sehnsuchtsschlagers zu packen, „ist so wie das Blut der Erde“ – ein bisschen süßlich und schwer, ganz wie die wohl nie verblassende Erinnerung an den ersten Vollrausch nach dem Genuss geharzten Retsinas. War das schlimm.

Was aber, wenn griechische Küche fein daherkommt, geschmackvoll und frisch zubereitet ist aus guten Zutaten, wenn Teller nicht überladen sind, wenn die Mediterranität die Rustikalität übertrumpft und auch Vegetarisches gepflegt wird, die Musik nicht wie ein Verdauungsmittel wirkt, sondern angenehm im Hintergrund bleibt und der Wein sich wie ein Gedicht an den Gaumen schmiegt? Dann könnte es sein, dass man in Darmstadts griechischem Neuzugang „Taverna Omega“ sitzt.

„Ein Stück Griechenland in Darmstadt.“ So wirbt die Betreiberfamilie Kordelas für ihr kleines Hinterhof-Restaurant, das sie vor gut einem halben Jahr am Steubenplatz eröffnet hat. Freundlich und hell ist es gestaltet, nur ein paar dezente Impressionen aus der Antike schimmern matt von den ansonsten weißen Wänden. Der Gast sitzt an blanken Holztischen, schmuck dekoriert mit Deckchen, frischen Blumen und einem Teelicht, das der Kellner noch während der freundlichen Begrüßung anzündet.

Was „bedienen“ mit „zu Diensten sein“ zu tun hat, wird hier den Rest des Abends anschaulich vorgeführt. „Bitte, gerne“ – das ist der Satz, der aus dem Munde des zuvorkommenden Obers nicht nur einmal zu hören ist. Und er klingt von Herzen. Als erstes empfiehlt er ein paar Gerichte aus der wechselnden Tageskarte. Dann rät er den Rotweinliebhabern zu einem nicht gerade günstigen Glas Mirambelo (fünf Euro), von dem man jedoch den Rest des Abends kaum noch lassen kann – so weich, fruchtig und charakterstark schmeckt dieser preisgekrönte Tropfen aus Griechenland.

Die Flasche regionales Sprudelwasser dazu (3,50 Euro) schlägt deutlich weniger zu Buche, und auch die gemischte Vorspeisenplatte (8,50 Euro) ist nicht gerade überteuert – vor allem, nachdem bereits die ersten Happen von einer Qualität künden, die neugierig auf mehr macht: Die etwas mit Panierung ummantelten Auberginen- und Zucchini-Scheiben sind trotz ihres frittierten Zustands locker und leicht, die Spinatröllchen knusprig, die gegrillte Peperoni wunderbar süßlich. Und die typischen Cremes, die anderswo oft wie Fertigpasten schmecken, munden hier frisch zubereitet und oberlecker: fein fischig und rosa die eine, würzig die Schafskäsecreme und mild das Tsatsiki, dem der Koch zusätzlich ein Schälchen zerdrückten Knoblauchs zur Seite gestellt hat.

Solche Aufmerksamkeiten kommen nicht nur aus der Küche, sondern auch von hinter der Theke, dem Stützpunkt des freundlichen und engagierten Oberkellners, der von dort immer wieder ausschwärmt. Erst präsentiert er die Dorade noch vor deren Zubereitung unverhofft am Tisch, um deren Frische anschaulich zu machen. Zwischendrin schenkt er Wasser nach. Später filetiert er den gegrillten Fisch vor den Augen des Gastes.

Die Goldbrasse (16 Euro) ist saftig und butterzart und glänzt zudem mit feinen Aromen, die je einen Zweig Petersilie und Thymian sowie Zitrone abgeben. Dass es dazu nicht mehr als ein paar gekochte Brokkoli- und Blumenkohlröschen gibt sowie Karottenscheiben und Kartoffeln, genügt vollkommen. Und entspricht zudem der Mittelmeer-Gastronomie, wie man sie an Originalschauplätzen im Urlaub genießen kann. Von sehr guter Qualität sind auch die kleinen, zarten Lammsteaks mit grünen Bohnen und Kartoffelschnitzen, zu denen der Kellner noch zusätzlich eine Pfefferrahmsoße anbietet (14,50 Euro).

Bei vielen anderen Griechen wäre nun längst Schluss, weil die Oberkante im Magen erreicht ist. Doch die Portionen der Speisen hier machen einen Nachtisch zumindest denkbar. Und weil bislang alles so lecker war, steigt die Spannung auf einen süßen Abschluss. Der heißt in diesem Fall „Galagtoburiko“ (3,50 Euro) und entpuppt sich als lockeres, nicht zu süßes, lauwarmes Grießteig-Törtchen mit einer Kugel schmilzenden Vanilleeises und Puderzucker-Bestäubung. Hmmm.

„Bitte, gerne“, sagt der freundliche Ober zum letzten Mal und schenkt als finalen Akt den obligatorischen Ouzo auf Kosten des Hauses in recht große Gläser. Und erst, als man den Anis-Schnaps heruntergeschluckt hat, stellt sich zum ersten Mal an dem Abend ein Bedauern ein: Wie schade, dass die scharfe Spirituose nun alle anderen Aromen gekillt hat, die man so gerne noch eine Weile in seiner Mundhöhle mit sich herumgetragen hätte.