Alexandra Welsch, freie Journalistin
  Startseite

Kontakt

Reportagen Portraits Kritiken Berichte Features Glossen
  Musik

  Film

  Literatur

  Kunst

  Bühne
  Das Badesalz in der Comedy-Suppe

"Halt's Maul , du Sau!"

Wenn Mann so richtig Frau sein will

Zwischen zuckendem Fleisch und Sirenen

"Hey, Alder, was geht ab, biste kraß?"

Letzte Rettung: Flucht-Hansa

Dem Kitsch keine Chance

  Gastronomie

 
 

Zwischen zuckendem Fleisch und Sirenen

Als der Latin-Lover die Bühne betritt, gehen die Sirenen zum ersten Mal an. "Wuuuuh", schreit die versammelte Weiblichkeit, gepackt von den nackten Tatsachen. Der Ruf der Verzückung wird am Sonntagabend noch oft durch den Kongresssaal schallen - berechenbar, bei jeder Teilentblätterung und dezibelstark aufwallend, wenn zwei Pobacken tanzen.

"Ladies, einen großen Applaus für die American Dream Men", fordert ein Animator immer wieder aus den Boxen. Und die Sirenen heulen beständig. "Ich finde das reizvoll, einen Mann strippen zu sehen", sagt Alice Waliszak, die mit einer Gruppe Kolleginnen aus Langen gekommen ist. "Mein Mann macht das nicht, dann brauchte ich ja auch nicht herzukommen." Und wenn er's machen würde, dann sähe er gegen die sechs jungen, braungebrannten Männer wohl blass aus. So, rein äußerlich betrachtet. Und um nichts anderes geht es hier.

Deswegen brauchen die Muskelpakete auch keine Charmebolzen zu sein. Selbst der im Heft angekündigte Esprit ist, was etwa die Bewegungsästhetik angeht, nicht vonnöten: Steif wie Stecken laufen die Body-Builder-Burschen von links nach rechts, vor und zurück. Das soll wohl Spannung aufbauen, wirkt aber mehr apathisch als apart. Ein städtischer Männerbeauftragter, gäbe es einen, hätte wohl eine Dauerkrise gekriegt.

Die amerikanische Fleischbeschau - "nur für Frauen!" - ist keine Einbahnstraße. Die Zuschauerinnen dürfen auch zupacken, allerdings sollten sie dabei die Benimmregeln beachten, die Moderator Michael Wood zwischendrin erläutert. "Nicht versuchen, das Ding abzumachen und als Souvenir mit nach Hause zu nehmen", bittet er. Doch so weit kommt es schon allein deshalb nicht, weil die Männer die Hände der Frauen, die sie wahlweise auf die Bühne holen oder im Publikum beglücken, bei der Live-Ölung führen - über wohlige Wölbungen direkt zum Schritt.

Auch der Indianer-Typ weiß um seine Reize: Er entblößt seinen Rücken, ein Muskelgebirge gleich der Schwäbischen Alb, und lässt sein langes schwarzes Haar darauf fallen. Der große Afroamerikaner mit dem Bürstenschnitt, der mit seinen aufgepumpten Muskeln unwirklich wie eine Comicfigur wirkt, kann seine Brust im Takt zucken lassen. Und der Schlanke mit den langen schwarzen Locken lässt seinen Po vibrieren wie eine Bauchtänzerin ihre Hüften.

Zwischenbilanz in der Pause: Gabriele Conrad und Christa Ries aus dem Odenwald ärgern sich, weil sie teure Karten bezahlt haben, ihre Plätze in der ersten Reihe aber belegt sind. Und die Männer? "Na ja", sagt Christa Ries. "Zu klein", findet ihre Freundin - die Chippendales seien größer. "Das stellt mehr dar." Und tänzerisch sei das Gebaren der amerikanischen Traummänner auch etwas eintönig.

In der zweiten Hälfte wird die Musik lauter und die Show aggressiver. Diesmal tragen die Herren den amerikanischen Traum in Form einer Nationalflagge herein, mit der sie - vor, zurück, im Kreis - in weißen Armeeuniformen langatmig über die Bühne wandern. Das Publikum will mehr. "Ausziehen!" ruft der Saal - bis zu Tom Jones' "Sex Bomb" eine Peitsche ausgepackt wird und eine Zuschauerin beim Freilegen der bisher verhüllten Männlichkeit behilflich sein darf. Sirene läuft.

Das Finale verläuft unspektakulär. Hosen hoch, Musik aus, Licht an. Fertig. "Nicht erotisch", findet Petra aus Mühltal nach zwei Stunden, "die Perfektion hat gefehlt." Während sie mit ihren Bekannten etwas enttäuscht den Saal verlässt, warten andere noch vor der Bühne: Anstehen für ein Foto mit den "American Dream Men." Kostet zwanzig Mark extra.