Vibrato des Wahnsinns: Reinald Grebe

Alles Licht ist aus, die Bühne liegt dunkel da. Ein Haufen Kunstglut glimmt. Ansonsten sieht man nur noch den Laserpointer, mit dem Rainald Grebe über seine Diaschau ohne Bilder fuchtelt. „Berlin 1991“, erläutert er mit schnodderiger Schnauze: Jaja, da ging die Wohnungssuche noch mit der Brechstange vonstatten, und der Trabi fiel dem Straßenkampf zum Opfer. Das Publikum im Großen Haus schaut auf nichts und kichert.

Als im nächsten Moment das Licht angeht, tritt der Wahnsinn mit einnehmender Kraft zutage. Weißlicht fällt von unten auf Grebe und seinen Flügel, der als gruseliges Schattengebilde auf die Bühnenwand geworfen wird. Ein schaurig schöner Effekt und äußerst passend zu dem getragenen Lied über eine Nervenklinik, das der Kabarettist mit zittriger Stimme anstimmt: „Wahnsinn, Wahnsinn, absurdes Theater.“

Wenn Kinder sich verhalten wie Rainald Grebe am Donnerstagabend im Staatstheater, werden sie zum Arzt geschickt. Weil sie lärmen. Weil sie zappeln. Weil sie stören. Doch bei dem vierzigjährigen Liedermacher und Schauspieler sind der Zappelphilipp und der Störenfried Programm. „Das ist kein ADHS“, stellt er irgendwann fest. „Das ist mein Lebensgefühl.“

Es ist verwunderlich, dass der Querdenker mit dem Vibrato des Wahnsinns in der kehlig-kräftigen Stimme  für ein ausverkauftes Haus gesorgt hat. Gut, er hat voriges Jahr den Deutschen Kleinkunstpreis für seine Musik gewonnen und ist durch Auftritte in der ZDF-Kabarettsendung „Neues aus der Anstalt“ bekannter geworden. Doch erscheint seine sperrige Kunst eigentlich zu subkulturell, um einem größeren Publikum zu gefallen.

Dass dem nicht so ist, lässt ein schweifender Blick in die große und breitgefächerte Zuschauerschar erahnen, die zu seinem Auftritt gepilgert ist: Da sieht man den Twen im Kapuzenpulli genauso wie den Opa mit Tweedjackett, da treffen situierte Bildungsbürger auf jugendliche Konzertgänger. Und das ließ sich offenbar auch schon beim Gastspiel zuvor in seiner Heimatstadt Frechen feststellen. „Fast nur Grauhaarige“, frotzelt er einleitend. „Und es hat ihnen gefallen, wir machen irgendwas falsch.“

Deswegen, so kündigt er im nächsten Satz an, mache man heute alles anders. Und damit beginnt sein Soloprogramm „Das Rainaldgrebekonzert“, indem er seine Herkunft und Familiengeschichte zum roten Faden werden lässt und als lebendes Beispiel aufrollt für ein Bildungsbürgertum zwischen Blockflötenhauskonzerten und holzverschaltem Hobbykeller. Dabei gibt er  eine Menge Persönliches preis. Da erklingt der erste Song, den er gespielt hat (Billy Joel) oder die erste Platte, die er besaß („Vogelstimmen“). Und sein erstes Mal besingt er mit einem Kondom auf dem Kopf, das er schließlich zum Platzen bringt.

Es wird sehr viel gelacht an diesem Abend. Das liegt daran, dass Rainald Grebe seine klugen Analysen der Absurditäten des Alltags mit schauspielerischer Leidenschaft und einem ausgelassenen Faible für Ulk paart. Dass das Ganze nicht im reinen Nonsens hängenbleibt, ist zum einen Grebes Schneid im Umgang mit Worten und Sprache zu verdanken („Die meisten Unfälle passieren im Haushalt, die meisten Haushalte passieren durch Unfälle“). Hinzu kommt seine tiefblickende Beobachtungsgabe, die von stetiger Skepsis getragen wird und den Widerhaken zelebriert.  Seine Worte hackt der Mann im schwarzen Schlabberanzug dabei genauso wuchtig in die Welt wie die schrägen Akkorde in die Tasten seines Flügels: „Was ist die bürgerliche Dreifaltigkeit? Sicherheit, Sicherheit, Sicherheit!“