Gülle marsch, Licht an!

Immer mehr ökologisch erzeugter Strom fließt in öffentliche Netz, doch der Marktanteil ist mit sieben Prozent nach wie vor sehr gering

Die Gülle von Gerd Holschuh ist nicht einfach nur Mist. Täglich frisch wird die stinkende Brühe auf dem Almenhof in Erbach-Erbuch in einen bungalowgroßen Fermenter gepumpt, in dem es weder Licht noch Luft gibt. Dort geht es 740 Kubikmeter Gülle an den Kragen. Methangasbakterien heißen die Einsatzkräfte, die dort wüten. "Die haben ein Wahnsinnsniveau und müssen immer gut gefüttert werden", sagt der Landwirt, der diesen Vorgang mit dem Füttern einer Kuh vergleicht: "Wenn man zu viel reintut, kippt das Ganze um."

Um die Mischung im Gleichgewicht zu halten, wird der unappetitliche Cocktail bei 35 bis 38 Grad ständig gerührt. Dabei steigt Methangas hoch, wird abgesaugt und landet in einem umgebauten Dieselmotor, der einen Generator antreibt. Der Strom, der dabei entsteht, wird ins öffentliche Netz eingespeist und bringt Geld. Die Wärme, die dabei frei wird, wird ins Haus weitergeleitet und heizt dort rund 300 Quadratmeter Wohnfläche. Und die vom Methangas befreite Gülle, die hinten wieder rauskommt, ätzt nicht mehr und ist ein geruchsarmer Dünger. So funktioniert das Prinzip einer Biogasanlage: Gülle marsch, Licht an!

Eine Kuh, so heißt es, macht Mist für einen vierköpfigen Haushalt. Der Holschuh-Hof hat 200 Kühe. "Man kann sich keine goldene Nase dran verdienen", sagt der Odenwälder Landwirt, für den das auch nicht das Wichtigste ist. "Ein Hauptgrund für uns waren die Emissionen", erklärt der Achtunddreißigjährige. "Das wird immer schlimmer – auch bei uns auf dem Land."

Dabei geht es ihm nicht nur um die Vermeidung des Güllegestanks, sondern auch um den Klimaschutz. "Der Umweltschutzaspekt hängt natürlich stark damit zusammen", sagt der Bauer. Doch er betont: "Es darf kein Minusgeschäft werden. Die Wirtschaftlichkeit muss schon gegeben sein."

Wolfgang Scheer ist davon überzeugt, dass die regenerative Energieversorgung die konventionelle vollständig ersetzen kann. Ein Argument: Allein die Sonne liefere dem Erdball jährlich 15 000-mal mehr Energie, als aus fossilen und nuklearen Energiequellen pro Jahr verbraucht werde. Und: "Die Effizienz der Technik wird immer besser werden", befindet der SPD-Bundestagsabgeordnete, Vorsitzende des Weltrats für Erneuerbare Energien und unter anderem Träger des alternativen Nobelpreises. "Wenn sie – das gilt für jede Technik – gefördert und genutzt wird."

In Deutschland geschieht das. "Durch zwei Initiativen sind wir international zu einem Vorbild geworden", sagt Scheer. Erstens: Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) aus dem Jahr 2000 garantiere alternativen Stromerzeugern einen Netzzugang mit festgelegter Einspeisevergütung, was Investitionen sichere. Deutschland nehme zum Beispiel auf dem Markt für Windenergie weltweit den Spitzenplatz ein. Zweitens: Das Hunderttausend-Dächer-Programm fördere den Ausbau von Photovoltaikanlagen, die Sonnenlicht direkt in elektrischen Strom umwandeln.

Dahinter steckt das Ziel, den Ausstoß umweltschädlicher Treibhausgase sukzessive zu verringern – so, wie es das internationale Klimaschutzprotokoll von Kyoto fordert. Laut Angaben des Bundesumweltministeriums sind in Deutschland durch die Nutzung erneuerbarer Energien im Jahre 2001 rund 44 Millionen Tonnen Kohlendioxid (CO2) eingespart worden. Das entspreche etwa der Menge, die 4,4 Millionen Menschen durchschnittlich pro Jahr an CO2-Emissionen verursachen – das sind mehr, als in Berlin leben.

Das Bundesumweltministerium betrachtet regenerative Energie auch als zukunftsträchtigen Wirtschaftsfaktor: 8,2 Milliarden Euro seien im Jahr 2001 damit umgesetzt worden – das entspreche einem Umsatzplus von 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Das schaffe auch stetig neue Arbeitsplätze: 130 000 seien es derzeit. Laut einer Studie des Verbandes der Elektrizitätswirtschaft hat sich der Anteil erneuerbare Energien an der Stromversorgung zwischen 1991 und 2001 fast verdoppelt. Doch gering ist er nach wie vor: Sieben Prozent waren es im Jahr 2001.

Auf dem Dach der Erich-Kästner-Schule in Darmstadt-Kranichstein tanzt die Sonne. Auf einer Fläche von 42 Quadratmeter wird ihr Licht direkt in Elektrizität umgewandelt und ins Stromnetz geleitet. Wieviel, ist auf einer Anzeigetafel im Erdgeschoss abzulesen. Am Donnerstag voriger Woche gegen 12 Uhr waren es 1273 Kilowattstunden seit Installation der rund 38 000 Euro teuren Anlage. Sie wurde am 8. Februar eingeweiht.

"Es gehört aus unserer Sicht zum Erziehungsprozess dazu, den Umgang mit erneuerbaren Energien bewusst zu erleben und Verantwortung zu übernehmen für die Umwelt", sagt Schulleiter Michael Hüttenberger. Gerade in Schulen sei es deshalb sinnvoll, solche Anlagen zu haben. Doch auch rein finanziell betrachtet ist die Sache für sie lohnend, denn: "Wir bekommen eine Vergütung für das, was da erwirtschaftet wird."

Gut siebzig solcher Anlagen hat die Heag Natur Pur AG – eine Tochter des Darmstädter Versorgungsunternehmens – seit ihrer Gründung 1999 in Darmstadt und im Landkreis aufgebaut. Außerdem sind mit ihrer Unterstützung drei Windkraftanlagen und drei Kleinwasserkraftanlagen in der Region entstanden. Auch die Biogasanlage von Gerd Holschuh wurde mit finanzieller Hilfe des Stromanbieters aufgebaut.

"Wir nehmen den Strom zu festen Konditionen ab und schaffen so bei den Betreibern Planungssicherheit", sagt Britta Sattig, Pressesprecherin der Heag Natur Pur AG. Doch das Geschäft mit regenerativen Energien ist keine Einbahnstraße. "Wir sind auf viele Partner angewiesen." Denn das Ziel lautet, dass mehrere kleine Anlagen dezentral dort Energie erzeugen, wo sie auch verbraucht wird. Wie bei Bauer Holschuh, dessen Energiequelle auf vier Beinen nebenan im Stall steht.

Über diese Direktleitung verfügt der Normalverbraucher nicht. Doch als Abnehmer kann auch er etwas für die Förderung ökologisch erzeugten Stroms tun, betont Sattig. "Jeder, der über uns Strom bezieht, trägt dazu bei, dass neue Anlagen geschaffen werden", versichert sie. Und: Der Verbraucher erhält die Garantie der zeitgleichen Vollversorgung. Das heißt, dass die Menge an Strom aus regenerativen Energien am einen Ende eingespeist wird, die er am anderen Ende zapft.

Dass bei diesen Kunden grüner Strom direkt aus der Steckdose kommt, entspricht derzeit freilich noch nicht der Wirklichkeit. Britta Sattig vergleicht das Stromnetz vielmehr mit einem See, in den verschiedene Flüsse münden – grüne und graue. "Ziel ist, dass die Qualität in diesem See immer besser wird."

Der Zustrom aus regenerativen Energiequellen hat seit der Liberalisierung des Strommarkts 1998 zugenommen. An die hundert so genannte Ökostromanbieter tummeln sich mittlerweile im deutschen Stromgewässer. Sogar in Postfilialen wird Ökostrom-Werbung an die Kunden verteilt. Doch nicht überall, wo Öko draufsteht, stecken auch Wind-, Sonne-, Wasser- oder Biomasseenergie dahinter. Zumindest nicht in Reinkultur.

Um in diesen bewegten See mehr Klarheit zu bekommen, hat es verschiedene Vorstöße zur Kennzeichnung von Ökostrom-Angeboten gegeben. So haben sich die Europäische Vereinigung für Erneuerbare Energien, der Bund für Umwelt und Naturschutz und der Naturschutzbund das "Grüner Strom Label" ausgedacht. Das Öko-Institut, die Verbraucherzentrale und der WWF bieten das Gütesiegel "ok-power" an. Außerdem existieren zahlreiche TÜV-Zertifikate. Und auch die Stiftung Warentest hat Ökostromanbieter unter die Lupe genommen.

Steffen Arnold hat sich dafür entschieden. Seit rund einem Jahr bezieht der Darmstädter umweltfreundlich erzeugten Strom vom örtlichen Anbieter. "Ich habe mir die Empfehlung der Stiftung Warentest durchgelesen und mich dann dafür entschieden", sagt der Inhaber des "Teelädchens am Riegerplatz". Das ist teurer, doch da er komplett auf Energiesparlampen umgerüstet hat, haben sich seine Stromkosten seither nur leicht erhöht.

Anders sieht es in seinem Privathaushalt aus. Hier zahle er seither rund dreißig Prozent mehr. Doch das ist es ihm wert. "Ich subventioniere damit ja direkt die Förderung regenerativer Energieerzeugung", sagt er. Und außerdem, merkt er an: "Von den monatlichen Mehrkosten kommt das gerade mal einer Autofahrt in den Odenwald gleich."