Ernst Mühlhans ist kein Einzelfall

Immer wieder klagen Bauverein-Mieter über Misstände,  doch das Wohnungsunternehmen scheint das wenig zu kümmern

Ernst Mühlhans hat alles genau dokumentiert. Den wiederkehrenden Schimmel und wie er in all den Jahren letztlich immer wieder selbst renoviert hat. Den Rohrbruch im Kinderzimmer, als die alte Heizung durchgerostet war. Den Baucontainer mit dem Warnschild „Asbestfasern“, der irgendwann plötzlich vorm Haus stand. Es sind hunderte Fotos, die der 63 Jahre alte Rohrleitungsbauer in mehr als  30 Jahren von Mängeln und Schäden in seiner Wohnung gemacht hat. Es sind Schnappschüsse der Vernachlässigung, Bilder aus einer Bauverein-Wohnung.

Im Frühsommer 2008 kam ein Schwung neuer Impressionen hinzu. Ganz neuer Qualität. Der Bauverein hatte die lang angekündigte Großmodernisierung des maroden Mehrfamilienblocks in Darmstadt-Eberstadt in Angriff genommen. Ernst Mühlhans musste monatelang ohne Küche, Bad und fließendes Wasser in seiner Wohnung leben. Und dann floss das Wasser plötzlich in Strömen. Während der Dachsanierung regnete es bei einem Wolkenbruch so massiv in die Wohnung hinein, dass Möbel und Haushaltsgeräte unbrauchbar wurden.

Der Mieter klagte auf Schadenersatz und bekam Recht. Doch die knapp 3000 Euro erhielt er vom Bauverein erst nach Einschalten des Gerichtsvollziehers. Für Mühlhans und seine jahrzehntelange Erfahrung mit der Wohnungsgesellschaft nicht weiter verwunderlich: „Die machen nichts, die antworten nicht mal auf Briefe vom Rechtsanwalt.“

Sein Anwalt bestätigt diesen Eindruck. „Die reagieren einfach nicht.“ Das hat Hermann Hädicker im Fall von Ernst Mühlhans nicht das erste Mal feststellen müssen. Mit dem Bauverein habe er mehrmals pro Jahr zu tun, und da gelte die Erkenntnis: „Die machen, was sie wollen – und wenn’s ans Bezahlen geht, machen sie gar nichts.“ Der Jurist findet das „beschämend“ und gibt zu bedenken: Durch Klage- und Gerichtsvollzieherkosten, die durch diese Haltung anfallen, würden bewusst öffentliche Gelder verschwendet.

Ernst Mühlhans ist kein Einzelfall. Diese Erfahrung macht auch das „Darmstädter Echo“. Mit den Beschwerdefällen, die allein in den vergangenen zehn Jahren die Redaktion erreichten, könnte man ganze Räume tapezieren. Und die Geschichten ähneln sich: Es geht um unstimmige Nebenkostenabrechnungen oder nicht gerechtfertigte Abbuchungen. Es geht um Schimmel, der nicht beseitigt wird. Es geht um Mängel in den oft überalterten Häusern und in der Kommunikation des Wohnungsunternehmens. Nicht nur,  Mietern gegenüber. Auch Anfragen von Journalisten oder anderer Vertreter der Öffentlichkeit werden immer wieder unzureichend oder nicht beantwortet.

Margit Heilmann, als Leiterin des Mietervereins seit 20 Jahren mit Bauverein-Fällen in Berührung, spricht von einer „Gutsherrenmanier“, die für das Unternehmen symptomatisch sei. Von den knapp 13?000 jährlichen Beratungen bei ihnen entfiele mindestens ein Drittel auf Bauverein-Mieter. „Das ist viel, und das ist nur die Spitze des Eisbergs.“ Andere Wohnungsgesellschaften seien nicht in dem Ausmaß vertreten. Und die Tendenz sei steigend.

„Sie gehen Problemen einfach nicht nach“, moniert Heilmann. Es sei, als ob die Bewohner nur Störer sind bei der Umsetzung von Renommierprojekten wie dem Darmstadtium. „Skandalös“ sei etwa der ignorante Umgang mit der Schimmelproblematik in vielen Altbauten. Und dass der Gerichtsvollzieher an die Bauverein-Tür klopft, sei  nicht nur einmal vorgekommen. Vier Fälle seien ihr momentan bekannt. „Das ist peinlich und Image schädigend und für jeden bürgerlichen Menschen eigentlich der worst case.“ Der schlimmstmögliche Fall.

Auch Albrecht Simon, der als Sprecher des Amtsgerichts zwei entsprechende Fälle aus dem Jahr 2008 bestätigt, wundert sich ein bisschen: „Dass keinerlei Rechtsmittel eingelegt werden, ist unüblich.“ Ein großes Unternehmen zahle normalerweise, wenn es verurteilt wird.  Darüber hinaus geht aus den Statistiken des Amtsgerichts hervor, dass sich die Zahl der Klagen gegen den Bauverein in den vergangenen Jahren verdoppelt hat: Von elf  2002 auf mehr als 20 im vorigen Jahr. 2008 war gar eine Spitze von 43 Fällen zu verzeichnen.

Der Kreis der Klagenden scheint sich zu vergrößern und zu verbreitern – auch außerhalb Darmstadts und des Landkreises Darmstadt-Dieburg. Im vorigen Sommer wurde erstmals Kritik laut aus Gießen, wo sich sogar eine Mieterinitiative gegründet hat. Sie wendet sich gegen Mieterhöhungen für dortige Wohnungen des Bauvereins. Moniert wurde auch, dass dort gleichzeitig nicht saniert werde. Der Bauverein nahm die Mieterhöhung nach anhaltenden Protesten für das Jahr 2009 zurück, wie ein Sprecher der Initiative nun mitteilte.

Doch auch in Darmstadt, dem Sitz des Bauvereins, nimmt die öffentliche Kritik zu. Vor ein paar Wochen forderten Eberstädter Politiker aller Parteien mit Ausnahme der Grünen in einer gemeinsamen Erklärung den Bauverein zum Handeln auf. Begründung: Seit Jahren beschwerten sich Mieter in dem Hochhausviertel Eberstadt-Süd über den schlechten Zustand ihrer Wohnungen.

Insbesondere Schimmel sei ein Problem, das entgegen der immerwährenden Argumentation des Bauvereins keinesfalls nur durch falsches Lüften zustande komme, sondern auch bauliche Ursachen habe. Der Bauverein müsse endlich „unmittelbar und adäquat reagieren“, heißt es in dem Aufruf.
Ein Besuch in Eberstadt-Süd lässt die Dringlichkeit dieses Anliegens überdeutlich werden. Und da ist nicht nur Schimmel das Problem. Schon beim Betreten eines der Hochhäuser am Kirnberger Platz etwa fragt man sich, wie es in einer Wissenschaftsstadt so etwas geben kann. Verbeulte Briefkästen, verschmierte Wände in beklemmend düsteren Fluren, der Aufzug defekt, im Treppenhaus beißender Uringestank. Selbst stabile Menschen werden in dieser menschenunwürdigen Umgebung aggressiv. Die Zustände sind seit vielen Jahren bekannt –  und   keinesfalls nur beobachtbar in Eberstadt-Süd.

Was sagen die Verantwortlichen dazu? Was sagt die Politik? Schließlich sitzt die kontrollierend im dreiköpfigen Vorstand sowie im Aufsichtsrat mit seinen rund 30 Mitgliedern. Doch Vorstandsmitglied Michael Siebel (SPD), der sich als wohnungspolitischer Sprecher seiner Fraktion im Landtag eigentlich gerne und oft öffentlich äußert, will dazu nichts sagen. Das gilt auch für das zweite ehrenamtliche Vorstandsmitglied, Daniela Wagner von den Grünen, übrigens ebenfalls wohnungspolitische Sprecherin im Bundestag. Beide verweisen auf den grünen Bauverein-Vorstandsvorsitzenden Hans-Jürgen Braun.

Einzig Sabine Seidler (SPD) gibt als Aufsichtsratsvorsitzende der Bauverein AG immerhin ein kurzes Statement ab: „Sie können sicher sein, dass wir uns immer wieder Gedanken machen, wie die Mieterzufriedenheit zu verbessern ist.“ Dem Aufsichtsrat sei zugesagt worden, dass an einem Leitbild zur Verbesserung gearbeitet werde. Das warte man ab.

Als auskunftsfreudiger erweist sich da der grüne Wohnungsdezernent: „Ich nehme auch wahr, dass das Image des Bauvereins in letzter Zeit angekratzt ist“, stellt Jochen Partsch im Gespräch fest. Es gebe  berechtigte Vorwürfe – gerade in Eberstadt-Süd sei der Handlungsbedarf klar geworden. „Ich bin über einiges auch nicht glücklich, aber ich weiß, dass es  Verbesserungen geben wird.“ Dabei flössen auch Erkenntnisse aus Gesprächen mit anderen Wohnungsgesellschaften ein, die  ähnliche Probleme erfolgreich angegangen  hätten.

Partsch betont, dass der Bauverein als städtisches Wohnungsunternehmen ein wichtiger Partner sei – etwa beim Bau neuer Kinderbetreuungseinrichtungen oder des Darmstadtiums, bei der Verwaltung des Querbahnsteigs am Hauptbahnhof oder bei energetischen Sanierungen, wo das Unternehmen bundesweit Vorreiter sei. Aber man müsse sich auch darüber verständigen, was man von der städtischen Tochter  alles erwarte. „Möglicherweise ist es so“, stellt Partsch fest, „dass unter dieser Aufgabenvielfalt die Qualität des Kerngeschäfts leidet.“ Nämlich die Bereitstellung von Wohnraum für die  Bevölkerung.

Der Wohnraum von Ernst Mühlhans ist seit der Großmodernisierung viel schöner und gemütlicher geworden. „Die Dämmung, die sie gemacht haben“, sagt er,  „die ist wunderbar.“ Eine Heizung genüge nun für  drei Zimmer. Dass deswegen innerhalb zweier Monate die Grundmiete in zwei Stufen um rund 50 Prozent erhöht wurde, findet er allerdings inakzeptabel. Zumal ihm die geschätzten 3000 Euro, die er im Laufe der Jahre selbst für Sanierungen in die Wohnung gesteckt hat, keiner ersetzt. Ernst Mühlhans hat Widerspruch eingelegt. Wie oft, kann er mittlerweile schon gar nicht mehr sagen. Es lässt sich nunmal nicht alles fotografieren.