„Der Ausstoß ist nach wie vor erschreckend hoch“

Darmstadt will seine Kohlendioxid-Emissionen alle fünf Jahre um zehn Prozent mindern, wird dieses Klimaschutzziel aber wohl verfehlen

Seit Jahresbeginn fahren alle Straßenbahnen mit Ökostrom, vor kurzem nahm die erste örtliche Biogasanlage ihren Probebetrieb auf, und auf dem Dach der Arbeiterwohlfahrt wurde die jüngste Photovoltaikanlage errichtet. Darmstadt punktet im Klimaschutz – und das nicht erst jetzt: Hier wurde das erste deutsche Passivhaus gebaut und mit der Gründung von „Naturpur“ früh auf alternative Energien gesetzt. Bei dem Wettbewerb „Klimaschutzkommune 2006“ belegte Darmstadt hessenweit den dritten und bundesweit den zwölften Platz unter 78 Kommunen. Die Frage ist: Was bringt das alles konkret?

Seit 1995 ist Darmstadt Mitglied im „Klimabündnis europäischer Städte“ und hat sich damit einem konkreten Ziel verschrieben: Zwischen 1990 und 2010 sollte der Ausstoß an klimaschädigendem Kohlendioxid (CO2) zunächst um die Hälfte reduziert werden. Dieses ehrgeizige Ziel wurde mittlerweile nach unten korrigiert, weil es letztlich als schwer erreichbar galt. War zunächst von 35 Prozent Minderung die Rede, lautet die Vereinbarung seit 2006: Alle fünf Jahre soll die CO2-Emission um zehn Prozent gemindert werden.

Doch wie weit Darmstadt auf diesem Weg gekommen ist, kann nur unbefriedigend beantwortet werden. Denn es gibt keine Zahlen, um Aussagen treffen zu können. Zwar wurde 2000 ein jährlicher CO2-Ausstoß von 1,46 Millionen Tonnen pro Jahr ermittelt. Doch wie hoch die Emission davor war oder heute ist, ist unbekannt. Macht dies die Klimaschutzvereinbarung nicht unglaubwürdig?

Umweltdezernent Klaus Feuchtinger gesteht: „Es wäre sicher nicht schlecht gewesen, wenn wir da Berechnungen angestellt hätten.“ Gescheitert sei das am Geld, wie auch Franz Schimek bedauert: „Das wäre der einzige glaubhafte Ansatz, um zu überprüfen, was wir getan haben“, befindet der städtische Energieberater. Auch Jens Bolze, Leiter des für Umweltschutz zuständigen Agenda-Büros, gibt zu bedenken: „Ich kann nicht Ziele vereinbaren, ohne auch die Erreichung oder Verfehlung zu ermitteln.“

Doch dies soll nun geschehen. Als Mitglied des Klimabündnisses hat Darmstadt Bolze zufolge 7000 Euro bereit gestellt für die Entwicklung eines Computerprogramms, mit dem sich CO2-Emissionen eruieren lassen. „Wir rechnen jetzt jeden Monat damit, dass wir das auf den Tisch bekommen“, sagt Feuchtinger. Und nach Auskunft von Miguel Morcillo vom Klimabündnis in Frankfurt, wo die Software entsteht, ist es bald so weit. „Wir werden das Tool unseren Mitgliedern Anfang April vorstellen“, sagt er. „Die Kommunen können dann sofort damit arbeiten.“

Mit Spannung wartet man nun darauf. Denn bislang muss man sich in Sachen Treibhausgas-Minderung eher mit Annahmen begnügen. „Darmstadt ist auf einem guten Weg“, befindet etwa Brigitte Martin vom Umweltverband BUND. „Aber mit mehr Personal und Mitteln könnte man mehr bewirken“, ahnt sie. Feuchtingers diplomatischer Kommentar zu dem Punkt: „Im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten haben wir im Vergleich zu anderen Städten eine ganze Menge gemacht.“

Der Umweltdezernent kommt hier auf das 2002 beschlossene Klimaschutzkonzept zu sprechen. Es umfasse fast fünfzig Maßnahmen – von der kostenlosen Energieberatung für Bürger oder Vereine über die energieeffiziente Sanierung städtischer Gebäude, den Umstieg auf Ökostrom oder Biodiesel bis zum Ausbau des Straßenbahnnetzes. „So ganz ohne Basis wurschteln wir nicht vor uns hin“, betont er.

Dennoch: Was mag das bisher an Minderung gebracht haben? Das CO2-Einsparpotenzial durch Informationsveranstaltungen oder eine neue Straßenbahn lässt sich schwer beziffern. Aber wie sieht es mit den mittlerweile fast 180 örtlichen Photovoltaikanlagen aus, die aus Sonnenenergie Strom gewinnen? Was bringen die knapp fünfzig Blockheizkraftwerke und das Müllheizkraftwerk, die wegen ihrer gleichzeitigen Erzeugung von Strom und Wärme als umweltfreundlich gelten? Wie viel CO2-Reduktion leistet der Umstieg auf Ökostrom oder der Betrieb einer Biogasanlage?

Die Antwort ist ernüchternd (dazu nebenstehende Grafik): Zählt man die von der Heag Südhessischen Energie AG (HSE) auf ECHO-Anfrage zur Verfügung gestellte jährliche CO2-Einsparung durch Photovoltaik (509 Tonnen), Biogas (3500 Tonnen), Blockheizkraftwerke (15  525 Tonnen), das Müllheizkraftwerk (43  000 Tonnen) und mittlerweile 55  000 Darmstädter Ökostromkunden (86  000 Tonnen) zusammen, reduziert sich der Darmstädter Kohlendioxid-Ausstoß um 149  000 Tonnen auf 1,3 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr. Das entspräche zwar einer Minderung um zehn Prozent – aber seit dem Jahr 2000 und somit nicht gemäß der Vorgabe „alle fünf Jahre“.

Das Erreichen dieses Ziels scheint daher unrealistisch. „Ich fürchte, dass wir trotz allen Bemühungen höher liegen werden“, vermutet Feuchtinger. Als einen Verursacher nennt er den zunehmenden Autoverkehr. „Daran wird sich erst etwas ändern, wenn der Verkehrsentwicklungsplan umgesetzt wird.“ Nötig seien etwa mehr und bessere Radwege. „Und wir brauchen dringend ein modernes Energiemanagement für städtische Liegenschaften.“ In der Tat sind andere Städte da schon deutlich weiter.

„Es ist in den vorigen Jahren gelungen, ein Steinchen vor das andere zusetzen“, sagt Feuchtinger. „Aber unser CO2-Ausstoß ist nach wie vor erschreckend hoch.“ Auch vor dem Hintergrund der Erderwärmung müsse daran massiv gearbeitet werden. Dass das Erreichen des Klimaschutzziels schwierig wird, glaubt auch Jens Bolze. Doch für ihn gilt: „Hauptsache Reduktion – jedes Prozent weniger ist ein Gewinn.“