Balsam für Haut und Seele

Das Gesundheitsprojekt der Teestube hlft Wohnsitzlosen unentgeldlich, steht aber auf der Kippe und sucht dringend Geldgeber

Wenn Jürgen Theuerkaus einem zur Begrüßung die Hand gibt, fühlt sich das an, als drücke man ein Stück Gestein. Die Haut ist extrem spröde und gespannt, nach dem Händewaschen reißt sie auf. Das ist eine Folge seines Leberschadens, weswegen heute wieder die regelmäßige Blutuntersuchung ansteht.

„Hallo, Herr Kunz“, ruft Theuerkaus dem Doktor freundlich zu, als er zur Tür hereinkommt und an ihm vorbeimarschiert. Bevor er drankommt, dreht sich der 44 Jahre alte Darmstädter noch eine Zigarette. Es knistert trocken, während er den Tabak in das Papier einrollt.

Jürgen Theuerkaus gehört zu den Stammpatienten des Gesundheitsprojekts „Krank auf der Straße“ in der Fachberatungsstelle „Teestube Konkret“. Seit zehn Jahren können sich Wohnungslose und andere Menschen in sozialer Not dort jeden Mittwoch von einem Arzt und täglich von einer Krankenschwester behandeln lassen.
Theuerkaus kommt schon seit Jahren hierher. „Wenn ich sie nicht hätte, täten meine Hände noch viel schlimmer aussehen“, lobt er die Schwester, die ihm regelmäßig Salbe für die Hände gibt. Doch die Betreuung ist für ihn auch so etwas wie Balsam für die Seele.

„Hier bekommt jeder unbürokratisch die Möglichkeit, einen Arzt aufzusuchen“, betont Nicole Schumann, die seit Dezember in der Teestube arbeitet und das Projekt als Sozialpädagogin betreut. Die Niedrigschwelligkeit des Angebots ist dabei sehr wichtig. „Hier gibt es keine großen Hürden.Etwa fünfzig Prozent der Besucher lebten auf der Straße und gingen aus Angst oder Scham nur ungern oder gar nicht zum Arzt, sagt Schumann: „Viele haben stigmatisierende Erfahrungen gemacht.“ Zudem sind Arztbesuche teuer.

Die rein ambulante Behandlung in der Teestube kostet die im Schnitt 85 Patienten im Monat nichts. Die Ärzte arbeiten ehrenamtlich. Und sowohl die zwei examinierten Krankenschwestern der Diakonie-Station als auch die Ausstattung des Behandlungszimmers mit einem medizinischen Grundsortiment werden durch Spenden finanziert.

Genau das stellt das Projekt derzeit vor die Existenzfrage: „Die Zahl der Spenden ging in den beiden vorigen Jahren um die Hälfte zurück“, bedauert Schumann. „Damit wir das Angebot aufrechterhalten können, sind wir dringend auf finanzielle Unterstützung angewiesen.“

Die Leiden des Michael Tillman lassen sich kaum an einer Hand abzählen. Von Amts Wegen wurde ihm die neunzigprozentige Schwerbehinderung bescheinigt. Er ist Epileptiker, Multi-Allergiker, hat Neurodermitis und einen geschundenen Magen. Und nun auch noch diese Wunde. „Ich bin morgens aufgewacht und plötzlich war sie da“, sagt der 36 Jahre alte Darmstädter, der auf der Couch vor dem Behandlungszimmer neben seinem Kumpel Jürgen sitzt.

Die Beiden sind nicht nur als tägliche Teestuben-Besucher unzertrennlich: Jeden Tag kocht Jürgen für Michael zu Hause das, was er essen kann. „Heute gab’s Pellmänner und Hering“, sagt er. Doch bei der Wunde kann der Freund nicht helfen.
Dafür ist Axel Kunz gekommen. Michael lässt ein bisschen die Hosen runter, damit der Arzt sich die entzündete Hautstelle in der Nierengegend anschauen kann. „Das scheint mir eine alte Ätz- oder Brandwunde zu sein“, befindet der Doktor. Weil sie in einer Hautfalte und unter dem Hosenbund sitze, habe sie sich nun wohl durch Reibung entzündet.

Kunz zieht sich Handschuhe an, desinfiziert die Stelle und beruhigt. „Bis Ostern wird’s wieder zu sein.“ Der Arzt, der für sein zehnjähriges Engagement in dem Projekt voriges Jahr mit dem Bürgerpreis der Stadt ausgezeichnet wurde, hat schon Schlimmeres gesehen. Sehr häufig vertreten seien Hauterkrankungen, offene Beine und Wunden. „Teilweise ausgelöst durch mangelnde Hygiene und das Schlafen draußen.“ Viele kämen erst, wenn gar nichts mehr geht. „Das geht bis zum Madenbefall“, berichtet Nicole Schumann, die gerade jetzt zur Winterzeit auch Erfrierungen zu sehen bekommt: „Wo wirklich Fußzehen abgefroren sind, ganz schwarz.“

Christiane Kraft, die seit vier Jahren als Krankenschwester hier tätig ist, nickt wissend: „Da muss man schon robust sein.“ Nicht nur wegen der Erkrankungen. „Die Leute kommen nicht immer frisch gewaschen oder nüchtern zu uns.“
Warum sie sich dennoch hier engagiert? „Es füllt mich auch irgendwie aus, weil ich den Eindruck habe, helfen zu können.“ Allerdings müsse man auch aushalten können, dass sich mancher gar nicht helfen lassen wolle. Da gehe es manchmal einfach nur ums Zuhören, bevor der Betroffene weiterzieht und somit wieder gänzlich aus den helfenden Händen gleitet.

Doch es ist nicht nur die Unbeständigkeit und Unzuverlässigkeit einiger Patienten, die ihre Arbeit erschwert. Es sind auch die Auswüchse der Gesundheitsreform. Das Mehr an Medikamentenzuzahlungen schaffe, so Kunz, „eine prekäre Situation für Einkommensschwache“. Auch mussten sie im vorigen Jahr zunehmend Praxisgebühr entrichten. Denn bei schrumpfendem Budget steigt der Bedarf. „Durch die schlechte Wirtschaftssituation wächst die Zahl der Obdachlosen“, sagt Kunz. „Plötzlich tauchen hier Leute auf, die zuvor ganz normale Praxispatienten waren.“

Doch es gibt auch Erfolgserlebnisse. Christiane Kraft erzählt von einem Patienten, der jahrelang auf der Straße lebte und massive Beschwerden hatte. Nun zieht er bald in eine Wohnung– mit Hilfe der Teestube.

Auch für Michael Tillman ist die Einrichtung ein wichtiger Strukturgeber und Beförderer: „Früher bin ich öfters mal auf der Straße zusammengebrochen, weil ich vergessen habe, meine Medikamente zu nehmen“, berichtet er. Heute nimmt er hier kontrolliert seine Epilepsiemittel ein. Denn er kommt gerne hierher. Warum? Ganz einfach: „Hier wirst du mit offenen Armen empfangen.“

Teestube Konkret  Anlaufstelle für mindestens 100 Menschen täglich  Die „Teestube Konkret“ ist eine Einrichtung der Wohnungslosenhilfe des Diakonischen Werks Darmstadt-Dieburg. Sie wurde 1988 in der Kiesstraße eröffnet und zog 1996 in die Alicenstraße 29 um. Die ambulante Fachberatungsstelle mit angegliedertem Tagesaufenthaltsbereich ist ein Angebot für Wohnungslose oder Menschen mit Wohnraum, die in sozialen Schwierigkeiten sind.

Fünf Sozialpädagogen, zwei Zivildienstleistende und mehrere Ehrenamtliche kümmern sich um durchschnittlich 100 bis 120 Menschen, die täglich dorthin kommen. Sie können dort Essen, Duschen, Wäsche waschen, sich medizinisch behandeln lassen oder einfach nur die Zeit in Gesellschaft verbringen. Darüber hinaus gibt es eine Fahrradwerkstatt.

Das Team bietet eine umfangreiche Fachberatung für alle Lebenslagen: Das Angebot reicht vom Einrichten einer Postadresse über Hilfestellungen bei der Wohnungs- oder Arbeitssuche bis hin zur Schuldnerberatung. Die Einrichtung arbeitet bewusst niedrigschwellig, vertraulich, kostenlos und basiert auf dem Prinzip der Freiwilligkeit.