„Ab damit in den Papierkorb“

Die Verbraucherzentrale warnt vor verlockenden Gewinnmitteilungen, die in dubiosen Busreisen mit Verkaufsveranstaltungen münden 

Ruth Roßner fällt darauf nicht mehr rein. „Herzlichen Glückwunsch, Sie haben 800 Mark gewonnen“, hieß es in dem an sie persönlich adressierten Schreiben. Das Bargeld würde ihr als besonderes Bonbon während einer schönen Tagesfahrt ausbezahlt, wurde darin weiter versprochen. Für die Busreise müsse sie zwar 19,80 zahlen, bekomme dafür aber noch ein Spitzen-Mittagsmenü und viele tolle Geschenke. „Da bin ich mitgefahren“, erzählt die ältere Dame aus Kranichstein, die mittlerweile bei dem Gedanken daran nur noch mit dem Kopf schütteln kann.

Geschenkt bekamen sie und ihr Mann eine Billig-Kaffeemaschine (Wert etwa zehn Mark) und minderwertige Bettbezüge. Der 800-Mark-Gewinn belief sich nach der Aufteilung unter allen Teilnehmern auf zwei Mark pro Person. Dafür mußten sie eine langwierige Verkaufsveranstaltung über sich ergehen lassen (Paket-Komplettpreis 1980 Mark) - „und wissen Sie, was wir zu essen gekriegt haben“, ruft sie entrüstet aus: „Eine Dose Pariser Möhreneintopf.“

Monika Bracht von der Darmstädter Verbraucherberatung kennt das. „Es ist eine Flut“, stöhnt sie, „ich habe teilweise drei, vier Beratungen am Tag.“ Und weil sie aus ihrer Erfahrung weiß, daß viele, vornehmlich ältere Leute auf solche Angebote hereinfallen, nahm sie sich am Dienstag abend die Zeit, die vier zu der Informationsveranstaltung gekommenen älteren Darmstädter über die dahinterstehenden kriminellen Machenschaften aufzuklären. „Grundsätzlich gilt: Die wollen nur Geld verdienen“, warnt sie und rät beim Erhalt solcher Gewinn-Anschreiben: „Ab damit in den Papierkorb.“

Ob „Holger's Reiseparadies“, „Martin's Reisetouristik“, „R + R Clubreisen“ oder „Euro-Glück Inc.“: Monika Bracht kennt sie alle, ihre Ordner sind voll von deren Verlockungen. „Das habe ich bekommen“, rief eine Veranstaltungsbesucherin aus, als die Beraterin eine der Folien („Bingo, Bingo, Bingo“) per Projektor an die Wand warf. Und Diplom-Verwaltungswirt Otto Dewitz hatte gleich eine ganze Jackentasche voll von solchen Gewinnbenachrichtigungen mitgebracht - egal, ob es um Bargeld oder Reisen ging. „Zu Hause habe ich einen so hohen Stapel“, erzählt er und hält seine Hand einen Meter über den Boden. „Ich bekomme jeden zweiten Tag sowas“, berichtet der Pensionär, der Jura studierte und sich mittlerweile rein interessehalber mit der Materie befaßt.

„Grundsätzlich verstoßen die Firmen gegen das Gesetz des unlauteren Wettbewerbs, weil die Gewinnauszahlung verbotenerweise an eine Verkaufsveranstaltung gekoppelt ist“, erklärt Monika Bracht. Außerdem würden sich die Firmen der Irreführung und Täuschung schuldig machen, weil die wichtigen Informationen meistens kleingedruckt und „kompliziert verklickert“ daherkämen. „Kann man denn solchen Leuten nicht das Handwerk legen“, wollte Ruth Roßner wissen. „Doch“, versicherte da Beraterin Bracht. Zwar sei es schwer, an die Veranstalter heranzukommen, weil es sich oft um Briefkastenfirmen mit etlichen Unterhändlern handelt. Trotzdem gebe es Möglichkeiten, dagegen vorzugehen.

So hätten etwa die Verbraucherschutzvereine allein seit September 1998 rund siebzig solcher Firmen abgemahnt. Wer seine Aktivitäten daraufhin nicht einstellt, der könne vor Gericht verklagt werden - beispielsweise zu einer saftigen Geldstrafe von mehreren zehntausend Mark. „Schreiben Sie das Empfangsdatum drauf, kommen Sie mit den Unterlagen hierher, und dann hat man die Möglichkeit, daß die Gerichte dagegen vorgehen“, empfiehlt Monika Bracht.