"Ohne Fakten keine Wahrheit"

Oberbürgermeister Peter Benz hat sich die Haare grün färben lassen. So etwas darf nur behaupten, wer es auch beweisen kann. Der erste Satz ist insofern unwahr und dürfte dort gar nicht stehen. Das gebietet die Faktentreue, seit jeher ein Urprinzip des Journalismus. Doch laut Ekkehard Sieker hat dieser Grundsatz im Medienalltag keinen zentralen Stellenwert mehr.

Der freischaffende Fernsehjournalist , der vornehmlich für das ARD-Reportagemagazin "Monitor" arbeitet, war am Dienstag abend auf Einladung der Darmstädter Kriegsgegnergruppe "Friedenspolitischer Kosovo-Ratschlag" in der Bessunger Knabenschule zu Gast. Sein Thema: "Die Rolle der Medien im Jugoslawien-Krieg".

Die bewertete Sieker, der die Friedensinitiative der Naturwissenschaftler mitbegründete, äußerst kritisch. Sein Hauptansatz mit Blick auf den Kosovo-Krieg: "In den Medien gab es keinen nennenswerten Widerstand gegen den Krieg." Vierzig Prozent der Bevölkerung seien dagegen gewesen, doch diese Ansicht habe sich in den Medien nicht wiedergefunden. Statt dessen hätten sich nahezu alle einem Einheitstenor angeschlossen, der die Grundbotschaft verbreitete, man müsse aus humanitären Gründen gegen den verbrecherischen jugoslawischen Staatspräsidenten angehen.

Daß es sich dabei um einen "völkerrechtswidrigen Angriffskrieg" gehalten habe, bei dem etwa gegen den Nato-Vertrag oder das Grundgesetz verstoßen worden sei, sei wenig thematisiert worden. Mit Aufklärung habe das wenig zu tun gehabt, so Sieker - mit zwei erhobenen Zeigefingern. Der Einsatz von Desinformation sei ein Teil der Kriegsführung. "Es wurde alles getan, um diesen Krieg als rechtmäßig darzustellen." Hier sprach er vom "Mainstream-Journalismus", der sich bei der Berichterstattung stets im Rahmen der Konformität bewege. Was dem gängigen Tenor widerspreche, werde oft gar nicht gesendet.

Für Ekkehard Sieker ein unhaltbarer Zustand, der journalistischen Grundsätzen zuwiderlaufe, denn: "Wahrheit ist keine Frage der Mehrheit, sondern der Fakten." Der Journalist riet, mit Medieninformationen kritisch umzugehen und gegebenenfalls in den Redaktionen nachzufragen, wie bestimmte Meldungen zustande gekommen sind. Im Arbeitsalltag seien Journalisten oft nichts anderes als "Briefträger", die Meldungen der Nachrichtenagenturen übernehmen und weitergeben würden, ohne deren Richtigkeit zu prüfen.

Nicht so Ekkehardt Sieker, der sich selbst als kritischen Fernsehjournalisten darstellt und ein Beispiel aus seiner Praxis anbrachte: Als er beim Pressesprecher der Bonner Hardthöhe den Wahrheitsgehalt von Angaben über Massenvergewaltigungen im Kosovo erfragen wollte, sei er des Zynismus bezichtigt worden. Mit dem Vorwurf, an solchen Greueltaten könne man doch nicht zweifeln, habe er letztlich keine Information erhalten.