Die Kultur der Zweigeschlechtlichkeit

Die entscheidende Frage hing ungreifbar in der Luft: Was ist eigentlich männlich? Schulhefte mit Kritzeleien vollschmieren und Machtkämpfe provozieren? Cooles Imponiergehabe und ein Faible für Actionfilme? Nach fast drei Stunden voller Erklärungsansätzen erhob eine Frau im Publikum schließlich Einspruch: "Ich halte solche Modelle nicht für zeitgemäß. Man sollte eher Menschen sehen, die männliche und weibliche Bestandteile haben." Applaus.

Den ganzen Tag lang ging es in der Adventgemeinde darum, sich auf Jungen zu konzentrieren - ein sozialpädagogischer Trend, der sich nach Jahrzehnten der Mädchenarbeit mehr und mehr hervortut. "Jungen im Blick", war der "Fachtag zur geschlechtsbezogenen Arbeit" überschrieben, zu dem der Stadtjugendring gestern vor allem Sozialpädagogen und Lehrer eingeladen hatte. "Man kann das eine nicht ohne das andere betreiben", beschrieb die stellvertretende Stadtjugendpflegerin Waltraud Langer am Rande die Notwendigkeit, beiden Geschlechtern gleichermaßen aufmerksam entgegenzutreten. "Es geht erst mal um Akzeptanz."

Damit schienen die beiden Referenten im Umgang miteinander Schwierigkeiten zu haben. "Ich sehe unterschiedliche Herangehensweisen", stellte Reinhard Winter, Lehrbeauftragter an der Universität Tübingen im Bereich Geschlechterforschung, fest. "Möglicherweise weil Sie eine Frau sind und ich ein Mann", befand er in Richtung der Sozialwissenschaftlerin Edit Schlaffer, die nach ihm gesprochen hatte. Er monierte, ihr gehe es um die Kastration von Männlichkeitsvorstellungen. "Dieser Kastrationsvorwurf bringt mich immer wieder um", bügelte sie seine Kritik ab. "Ich denke, wir reden von unterschiedlichen Schauplätzen."

Winter stützte seine Äußerungen auf eine Befragung unter fast zweihundert Jungen aus unterschiedlichen Sozialschichten. "Da wird sichtbar, dass die Geschlechterangleichung in den letzten zwanzig Jahren einen gewaltigen Schub gemacht hat", betonte er. So widerspreche es dem Klischee, dass Jungen laut der Studie durchgängig einen hohen Moralkodex in Bezug auf Sexualität haben. In den Schulen oder der Jugendhilfe werde das so jedoch nicht thematisiert. "Hier werden die Jungen ausgesprochen alleine gelassen." Stattdessen beschimpfe man sie als "Machos". Werde aber ein Mädchen als "Tussi" bezeichnet, breche ein Sturm der Entrüstung los.

"In der Frauenbewegung haben wir das Thema lange vor uns hergeschoben", räumte Edit Schlaffer an. "Niemand weiß wirklich genau, was Männlichkeit ist." Sie zu fassen zu bekommen, versuchte die Sozialwissenschaftlerin dennoch. Zwar ließen sich Ergebnisse aus Studien über Mädchen anfangs eins zu eins auf Jungen übertragen, doch mit der Pubertät setze eine "dramatische Veränderung" ein. Jungen hätten höhere Ziele, aber auch eine geringere Kompetenz, was man etwa an den schlechteren Schulnoten ablesen könne. Ästhetik sei für Jungen ein Tabu. In der "kalten Welt der coolen Jungs" sei stattdessen ein harter Schutzpanzer vonnöten. "Jungs stecken in ihren Klischees fest", befand sie und bescheinigte ihnen abschließend eine "tiefe, emotionale Schizophrenie".

Im voll besetzten Auditorium wurden im Anschluss an die Referate Stimmen gegen veraltetes Schwarzweiß-Denken laut. "Es wird in erster Linie darauf ankommen, wie wir selber sind", deutete Edit Schlaffer daraufhin an, dass es an den Erwachsenen ist, beide Seiten vorzuleben. "Aber es gibt eben Unterschiede und eine Kultur der Zweigeschlechtlichkeit , der wir uns nicht entziehen können", betonte Reinhard Winter. Dieser Kultur der Zweigeschlechtlichkeit entsprach es auch, dass die Teilnehmer anschließend in getrennten Männer- und Frauen-Arbeitsgruppen weiter diskutierten.