Aura eines Salatkopfs, Elend einer Straße

Der Sektgeruch im Foyer des FH-Fachbereichs Gestaltung vermittelt die Einstiegsinformation: Feierstimmung. Das Büfett ist geschröpft: Abgekaute Melonenstücke liegen auf einem Tablett herum, ein Häuflein Peperoni wartet in einer Schüssel auf die letzten Zugreifer. Das Ohr vernimmt gelebte Gelassenheit - ein heiteres Gespräch hier, ausgelassenes Geplauder da. Das passte: "Es ist der Versuch, dass man im Gespräch bleibt", erläuterte Professor Gerhard Schneider am Rande in einem das Thema streifenden Satz, was Kommunikationsdesign ist. Oder sein kann. Bezugspunkte schaffen, Sprachbarrieren überspringen. "Nicht nur das Design, sondern auch die Kommunikation bedenken." Keine Entweder-oder-Frage, also Schein und Sein.

Die Diplomanden der Studiengänge Kommunikations- und Industriedesign haben diesen Anspruch in ihren 43 Abschlussarbeiten mit unterschiedlichen Gewichtungen verwirklicht. Davon konnte sich überzeugen, wer am Freitagabend die Einladung zur öffentlichen Präsentation wahrnahm. Sprangen einem einerseits schon beim Eintreten die überdimensionalen, bewegten Farbfotografien ins Auge, die Siegfried Meckle mit einer selbst gebauten Lochkamera - der vorbildflutlichen, objektivlosen Camera Obscura - in Ägypten aufnahm, so musste man andererseits Zeit investieren. Etwa bei der Arbeit von Carsten Filor und Sonja Leistikow - ein an das Jugendmagazin "Jetzt" der Süddeutschen Zeitung angelehntes Kulturmagazin -, bei der man die Texte lesen musste, um die Generationen übergeifende Botschaft zu erfassen: Die Alten waren früher ganz ähnlich jung, wie die Jungen heute.

Bei den Industriedesignern ging es funktionaler zu. Der Prototyp eines Midi-E-Bass von Ralf Mertzlufft - metallicblau und kopflos - erinnert fragmentarisch an ein klassisches Musikinstrument, produziert die Töne aber digital. Hightech-Fantasien eines Hochschulabsolventen. Um das Erschließen öffentlicher Räume ("Public Spaces") ging es dagegen Stephan Rein und Simon Husslein: Ihre Gestaltung einer urbanen Restaurant-Bar zielt auf die Interaktion zwischen Benutzer und Raum ab. Und zwar ganz konkret, denn der Entwurf gilt einer Gießereihalle in Zürich, die mit neuem Leben gefüllt werden soll.

Hier wird deutlich - für die Absolventen ist dies nicht nur der Abschluss einer Hochschullaufbahn, sondern der Beginn des Berufslebens. Dafür stehen auch Visitenkarten, die ab und zu neben den Arbeiten angebracht sind. Gerhard Schneider weiß: "Aus der Praxis kommen Leute her, um Kontakte zu knüpfen." Da sind die Diplomarbeiten ein wichtiger Ausweis. Oder, wie der Dekan, Professor Holger Poessnecker, es ausdrückte: "In dem Beruf zählen die Arbeiten, die man geleistet hat, und nicht pauschal das Zeugnis." Noten sind egalisierende Zahlen, die Arbeiten jedoch ein Ausdruck der Persönlichkeit. Und da haben, was Gerhard Schneider freute, "alle einen eigenen Stil ausgeprägt".

Zauberte einem die unkonventionelle Food-Fotografie von Andrea Rüger - im Angebot: die Aura-Fotografie eines Salatkopfes oder die Röntgenaufnahme eines Hühnchens - eher ein Schmunzeln ins Gesicht, so regten sich bei Michael Herold gänzlich andere Emotionen. Der gebürtige Kolumbianer hat "unter schwersten Bedingungen" das Elend in einer der laut WHO gefährlichsten Straßen der Welt in Bogotá aufgenommen. Versteckt in einem Karren oder die Kamera getarnt in Plastiktüten, fing er Momente einer Wirklichkeit ein, in der die Menschen nicht nur mit, sondern wie sprichwörtliche Hunde leben. Sensation Armut? Der Absolvent widerspricht. "Mir geht es darum, eine Feinheit zu zeigen, die entdeckt werden kann, wenn man dazu bereit ist." Hier kam auch Ergriffenheit auf. Doch der Sektgeruch dominierte: Feierstimmung.